Grenzfälle

Texte aus Brandenburg und Schleswig-Holstein

Mit Geleitworten von Manfred Stolpe und Björn Engholm

Seit Jahrzehnten lautet das Motto des Lübecker Autorenkreises „Kennenlernen – aufeinander zugehen“. Diese Devise führte seine Mitglieder aus ganz Schleswig-Holstein zu Exkursionen in die östlichen Bundesländer. Seit einem Treffen im Kleist-Museum Frankfurt (Oder), bei dem der Brandenburger Verband deutscher Schriftsteller (VS) Gastgeber war, entwickelten sich zwischen den Autoren freundschaftliche Beziehungen. Beide Vereinigungen hatten jeweils eigene Anthologien  herausgebracht – die Brandenburger zuletzt Kinder, die wir waren (2014). Deshalb lag eine gemeinsame Veröffentlichung nahe. Das Thema war schnell gefunden. Die Grenze, Symbol der Teilung, sollte zum Anlass für die Annäherung werden. Obwohl die Themenwahl nicht an die Zeitgeschichte gebunden war, beschäftigen sich die meisten Beiträge mit der innerdeutschen Grenze. Doch auch andere „Grenzfälle“ fanden ihren Niederschlag: Die Grenze zwischen der DDR und Polen, aber auch die zwischen Leben und Tod oder gestern und morgen.

Vor 25 Jahren, im Herbst 1992, erschien die erste Ausgabe des »Ziegel«, damals noch in den Maßen des Namenspatrons, jenes »Hamburger Ziegel«, der in vielen der Backsteinhäuser verbaut ist, die das Stadtbild der Hansestadt bis heute prägen. Über die Jahre hat der »Ziegel« unterschiedliche Formen angenommen. Mit der 15. Ausgabe des Lite­raturjahrbuchs präsentiert er sich erneut als Schatztruhe der Gegenwartsliteratur und ist dabei von nahezu ebenso schlanker Statur wie vor einem Vierteljahrhundert. Der 15. »Ziegel« hat die bislang aufwendigste Spurensuche betrieben: Drei Jahrgänge des Wettbewerbs um die Hamburger Literaturförder­preise wurden gesichtet, nicht nur von den Herausgebern, sondern auch von den Preisjurys. Insgesamt waren für die Anthologie fast 800 Manuskripte auszuwerten. Die Besten der Besten stehen nun im Buch, laden an den »Anderen Ort«, so das Motto des Bandes, und damit zu einer Entdeckungsreise: Roman­auszüge und Erzählungen stehen neben Gedichten, Theaterstücken, Kommentaren, Radiowerken und konkreter Poesie. Jeder Text nimmt dabei die Spur des vorangegangenen Textes auf und wirbt zu Beginn mit vergrößerter Schrift um die Gunst der Leser. Merke: In Hamburg gibt es viel zu entdecken, und oft findet man es zwischen zwei Buchdeckeln.


Eine Berliner Kindheit an der Protokollstrecke wird beschrieben, berichtet von ersten Versuchen, den Himmel raketentechnisch zu erobern. Eine Reise durch Israel hinterlässt tiefe Eindrücke, zeigt Sehenswürdigkeiten in diesem umkämpften Land. Eine Episode aus Mozarts Leben führt in seine Epoche zurück. Die Unterschiede polnischer und deutscher Alltagsmuster durchforstet eine andere Autorin. Eine Begebenheit aus der Theaterwelt zeigt, wie ein Schauspieler mondsüchtig wurde. Den unergründlichen Wegen von erotischen Begegnungen kann man auf Bahnsteigen nachsinnen. Erfahrungen mit Wohnungen und Kellern kommen zur Sprache. Gedichte folgen den Spuren des Regens, Lavendelfeldern. Putins Leidenschaften werden Wort für Wort seziert. Was verbirgt sich im Schatten der Tamarinden Kambodschas? Abend in Addis Abeba – afrikanische Themen finden lyrischen Ausdruck.