Freundinnen fürs Leben

chrismon plus Dezember 2016

In der JVA Lübeck wird für ein Theaterstück geprobt. Die Spielerinnen sind eine Betrügerin und eine Totschlägerin. Beide verbindet etwas, das es im Gefängnis selten gibt: eine Taufpatenschaft

 

 

Für die Liebe braucht Anke Luft. Sie ruckelt am Bund ihrer Jeans, drückt die Schultern nach hinten, atmet tief. „Ich habe die Liebe getroffen. Bin zufällig darüber gestolpert. Er saß da, ruhig, ahnungslos.“

„Stopp“, ruft Ivan. „Mach das noch mal. Lauter, enthusiastischer. Die Liebe, verstehst du, du hast die Liebe getroffen. Ich meine, wie oft passiert einem das im Leben?“

Anke nickt, wie Anke immer nickt. Ein wenig ergeben, ein wenig müde. Anke ist oft müde, zwei Wochen hintereinander acht Stunden Arbeit in der Wäscherei, dann zwei freie Tage, das setzt ihr zu. Und was es bedeutet, die Liebe zu treffen, ist gerade kein Thema in ihrem Leben.

Es ist achtzehn Uhr, draußen in der Freiheit geht ein Spätsommertag in einen milden Abend über, durch die vergitterten Fenster hört man die Vögel zwitschern. Seit acht Wochen probt der Kieler Schauspieler und Regisseur Ivan Dentler mit inhaftierten Frauen in der Justizvollzugsanstalt Lübeck für ein Theaterstück, das öffentlich aufgeführt werden soll. „Ganze Tage, ganze Nächte“, der Franzose Xavier Durringer hat es geschrieben, es ist eine Abfolge von Szenen, in denen es um Gefühle und deren Verlust geht, aber auch um Schabernack und Hintersinn.

KINDSTÖTERINNEN HABEN EINEN SCHWEREN STAND IM KNAST

Es war Ankes Idee, dass sie und Lena an dem Theaterprojekt teilnehmen. Anke hatte Lust, mehr noch aber wollte sie, dass Lena mitmacht. Damit diese mal ein bisschen selbstbewusster wird. In eine andere Rolle schlüpfen kann. Damit sie lernt, ­laut zu sein und sich zu wehren. Lena, die deshalb im Gefängnis ist, weil sie wie ein Blatt im Winde durchs Leben getrieben wird. Lena und Anke. Anke und Lena. „Das Doppelpack“, sagt Anke. „Uns gibt es nur noch zusammen.“  

Als Lena an ihrem 30. Geburtstag ihre Haftstrafe antrat, 2. April 2016, Frauenvollzug, Haus H, war Anke, sechs Jahre älter, bereits zwei Jahre dort. Sie saß wegen schweren Betrugs, Gesamtstrafe: vier Jahre.

Da hatte sie schon alles im Griff, weil ­Anke eine ist, die immer alles im Griff hat. Ordentlich, organisiert. Sie wusste schnell, wie der Hase läuft. Der Alltag. Die Regeln. Anke hatte die Langeweile im Griff, sie füllte sie damit, Briefe an ihre Familie zu schreiben. Das Heimweh, gegen das sie ihre Zelle mit Fotos von zu Hause gepflastert hatte. Die Einsamkeit, die sie vertrieb, indem sie sich verpuppte wie eine Larve. Wollte keinen Besuch, zog immer dieselben Sachen an: Jeans, Turnschuhe, T-Shirt. Keine Eitelkeit. Kein Begehren nach Dingen, die sie sowieso nicht mehr haben konnte. „Alles gut“, sagt Anke oft, wenn es um Gefühle und Befindlichkeiten geht.

Lena kam in den Frauentrakt wie ein junger Bär, der sich verirrt hat. Übergewichtig, mit einem tapsigen Gang, Kindergesicht, Lispeln in der Stimme und einer inneren wie äußeren Orientierungslosigkeit. Sieben Jahre Haft wegen Totschlags.Sie hatte ihr viertes Kind in der Bade­wanne geboren und dort ertrinken lassen. Kindstöterinnen haben einen schweren Stand im Knast. Anke wusste das. Lena wusste das. „Mörderin“, haben sie hinter ihrem Rücken gesagt. „Ich habe sie mal ­lieber unter meine Fittiche genommen“, sagt Anke. „Und seitdem gebe ich mir ­Mühe, sie immer wieder aufzubauen.“

 

Freundschaft im Gefängnis ist eine seltene Sache. So wie auch Vertrauen selten ist. Beides währt oft nur so lange, wie es Vorteile bringt. Denn vor allem darum geht es im Knastalltag: für sich selber das Beste rauszuholen. Tricksen, blenden, sich ducken oder sich behaupten. Man muss ­irgendwie überleben, sagt Anke. Und Lena sagt, man muss sich manche Zuneigung erkaufen. Bei Anke aber habe sie das nie gemusst.  

 

 

Anke und Lena. Die eine lenkt, die ­andere folgt. Lena muss lernen, Pläne zu machen, Ziele zu haben, mal bei einer ­Sache zu bleiben. Nicht alles immer hinzuwerfen, nicht immer vor allem zu kapitulieren. Sich zu wehren. Sie lässt sich von anderen immer alles abschnacken, Kaffee, Kekse, Zigaretten, immer gibt sie alles her. Sagt Anke. „Lena ist einfach zu gut für ­diese Welt. Sie hat ein zu großes Herz.“

„Manchmal bin ich beleidigt mit ihr. Aber ich weiß, dass sie recht hat. Ohne sie würde ich eingehen.“ Das sind Sätze, die Lena über Anke sagt.

 

Die ersten Proben mit den Gefangenen finden in einem großen Raum statt, der auch Sportraum ist, zwischen Fitnessge­räten und Tischtennisplatte. Vor den Fens­tern sieht man Mauern und Stacheldraht, Gebäude und weitere Mauern. Die ersten Proben sind eine Katastrophe. Keine der Teilnehmerinnen kann sich länger als zwei Minuten konzentrieren, alle fremdeln mit dem Text. Und alles wird in die Proben mit hineingetragen: Ärger, Frust, Heimweh, Bitch-Fights auf der Station. Nichts bleibt außen vor, und wie denn auch, wenn es das Außen nicht mehr gibt, wenn alles – die Schuld der Vergangenheit, die Unfreiheit der Gegenwart und die Unbestimmtheit der Zukunft – sich auf einen Raum von acht Quadratmetern verdichtet. 

 

Dentler versucht, jeden Fortschritt zu ­loben, redet sich den Mund fusselig. „Lernt die Texte, kommt mehr aus euch raus, übt zusammen.“ Sprachübungen, Atem­übungen, Gehübungen. Draußen zieht der Sommer vorbei, aus Sommer mache ich mir ohnehin nichts, sagt Anke. Lena nickt dazu.  

Manches bleibt bis zum Schluss eine Gratwanderung. Vor allem dann, wenn es um starke Gefühle geht, Wut oder Enttäuschung, wenn zwischen Spiel und Wirklichkeit unterschieden werden muss. Einmal soll Lena Anke anbrüllen. „Scheiße. Ich kann nicht mehr.“ Jedes Mal bleibt sie zu leise, zu zahm. Jedes Mal sagt Dentler: „Das war gut, Lena, aber sei noch lauter. Sei wütend. Sei angekotzt.“ Lena kichert dann wie ein Kind, das ein unanständiges Wort hört. Einmal sagt Anke: „Denk doch einfach an deine Mutter. Geh ab, wie du abgehst, wenn sie dir wieder blöd kommt.“ Lena hatte gleich Tränen in den Augen. „Nee. Jetzt...“, hat sie gestammelt. „Jetzt geht gar nichts mehr.“

Bevor Lena und Anke Freundinnen wurden, hatte es in Lenas Leben nicht viele Freundinnen gegeben. Eher Feinde. Die Mutter zum Beispiel, die immer wieder sagte, Lena würde nichts taugen. Gar nichts. Alles falsch machen. Alles. Der Stiefvater, der sich an ihr und ihrer Schwes­ter verging. Wieder die Mutter, die das nicht glauben wollte, die sagte, ihr wollt mir nur meine Beziehung kaputt machen. So war die Kindheit, die Jugend. Kein gutes Wort.

 

Zum ersten Mal wird Lena mit 19 schwanger, vier Jahre später bekommt sie vom selben Mann noch ein Kind. Doch der Vater der beiden Mädchen heiratet schließlich eine andere Frau. Lena findet einen neuen Freund, wieder eine Schwangerschaft, diesmal ist es ein Sohn. Lena ist mit den drei Kindern überfordert. Bringt den Müll nicht raus, kann keine Ordnung halten. „Bis heute kann sie das nicht“, sagt Anke, und auch wenn Anke das freundlich sagt, sackt Lena bei solchen Sätzen zusammen und sagt mit leiser Stimme, sie wisse es ja, sie wolle doch versuchen, sich zu ändern.

 

 

Irgendwann jedenfalls, Lena war 26 Jahre, Bürokraft, noch immer Fußab­treter für ihre Mutter, kam das Jugendamt. Die Töchter wurden Lena entzogen und zu ihrer Mutter und dem Stiefvater gegeben. Ausgerechnet. Anke hat Angst, der Stiefvater wird Lenas Tochter antun, was er Lena antat. „Ich sag ihr immer, Lena, da musst du was tun, du musst das Kind da rausholen“, sagt Anke. Lena lässt dann die Schultern hängen. „Und was soll ich tun? Ich sitz im Knast, Anke.“

 

Lena und Anke haben sich von Anfang an alles erzählt. „Die tiefsten Geheimnisse“, sagt Anke. „Alles, was man sonst niemandem erzählt“, sagt Lena. Sie hat Anke als Zeichen ihres Vertrauens ihr Urteil zu ­lesen gegeben. In diesem Urteil stand, wie es dazu kommen konnte, dass die dreifache Mutter Lena an einem Sonntagnachmittag in der Badewanne ihr viertes Kind gebar, dem Kind einen Kuss gab und es wieder ins Wasser legte. Sich im Nebenzimmer anzog, zurück ins Bad ging. Da war das Kind tot. Es stand auch darin, dass Lena unter ihrer Mutter leidet, destruktive Beziehungen einging und niemals gelernt hat, Probleme zu durchdenken und Lösungen zu finden. „Vieles an Lena habe ich vorher nicht verstanden“, sagt Anke. „Aber danach war alles klar.“

 

Lena hätte das Baby in eine Babyklappe bringen, zur Adoption freigeben, sich Hilfe bei einer Beratungsstelle suchen können. Sie tat es nicht, sagt sie, weil sie sich schämte. Sie sah sich durch die Augen ihrer Mutter. Schon wieder schwanger. Zu blöd für alles.

 

Lena leugnet nichts. Sie weiß, was sie tat, ist unverzeihlich, also verzeiht sie sich nicht, glaubt auch nicht, dass jemand anderes es könnte. Die Entschuldigungen für Lena hat Anke gefunden und findet sie noch. Sieht nicht die Kindstöterin, sondern das geschundene, gescholtene Kind. Ein Kind kann böse Dinge tun, aber es ist selber nicht böse. Das ist die Botschaft, die Anke für Lena hat. Anke sagt, sie habe in ihrem Leben so viel bekommen, dass sie Lena, die fast nichts bekam, davon abgeben könne.

 

Ivan Dentler hat für sein Projekt Unterstützer in der Anstalt. Den Anstaltsleiter, die Gefängnispastoren. Sie sind Anhänger der Idee, dass auch die Gefangenen Menschen sind, die kreative und schöpferische Talente und Ambitionen haben. Die Seele verkümmert schnell im Knast. „Du wirst innerlich ganz staubig“, beschreibt Anke das.

 

Es dauert Wochen, bevor nicht nur Ivan Dentler, sondern auch die Schau­spielerinnen denken: Es wird was. Irgendwann brechen die Verkrustungen auf, kommt erst langsam, dann immer stärker, ein Spieltrieb durch. Lena, die Zurück­haltende, hänselt, lästert, beschimpft Anke. Anke beugt sich, gibt nach, zieht den Kürzeren. „Super, legt noch ein paar Kohlen drauf. Ihr könnt das“, ruft Dentler jetzt nach den Szenen. „Na, das will ich meinen“, sagt Anke.

 

Bevor Anke ins Gefängnis kam, arbei­tete sie als Altenpflegerin. Wohnte zu Hause, ein Resthof in Nordfriesland. Sie hat einen Freund, der zu ihr hält, auch in dieser Zeit im Gefängnis. Eine gute alte Mutter, von der Anke sagt, sie sei ihr Fels. „Meine ­Mama.“ Eine, die niemals Vor­würfe machte und immer anständig ­kochte: Fleisch, Soße, Kartoffeln – Sachen, die gute Mamas eben kochen.

 

Der schwere Betrug, der Anke zur Last gelegt wurde, war eine Erbstreitigkeit. So sagt es Anke und hält sich, was ihre Tat anbelangt, bedeckt. Die Schulden, die sie machte, hat sie mit dem Geld, das sie im Gefängnis verdient, fast abbezahlt. Wenn sie wieder rauskommt, wird sie ihre alte Stelle als Altenpflegerin wiederbekommen. Dann, sagt sie, will sie sich auf Sterbebegleitung spezialisieren. Zurück auf den Resthof ziehen, zurück zu Mama und ihren Kartoffeln, zum treuen Freund, zurück zu einem anständigen, sauberen Leben.

 

Niemand weiß, auch Lena wohl nicht, wie wahr diese Geschichten sind. Anke ist gut mit Worten, gut mit Träumen, und ­Lena ist genau die Richtige, um diese Träume zu würdigen. Anke hat Lena ihr Zuhause so lange in hellsten Worten beschrieben, bis Lena anfing, sich nach so einem Zuhause zu sehnen. So sehr, dass sie Ankes Mutter einen Brief schrieb. Nicht viel, nur ein paar Zeilen. Wie gut Anke zu ihr, Lena, sei und wie stolz diese Mutter auf ihre Tochter sein könne.

 

Ankes Mutter hat ihr geantwortet. Lena solle doch nach ihrer Gefängniszeit zu Besuch kommen. Wenn Lena von diesem Brief erzählt, wenn sie versucht, mit ihren holprigen Worten zu sagen, dass daraus ein Angenommen-Sein gesprochen habe, das sie nicht kenne, dann weint sie. Vielleicht weint sie auch, weil der Gegensatz zu dem, wo sie herkommt, unerträglich ist. Ankes Zuhause ist in Lenas Herz gepflanzt wie ein Arkadien des Friedens. Was wartet denn schon auf sie, Lena, irgendwann im Jahr 2020, wenn sie rauskommt. Dann, sagt Lena, werde sie wohl in einer kleinen Wohnung alleine leben, von der Mutter wolle sie sich bis dahin gelöst haben. Vielleicht finde sie ja eine Arbeit.

 

Wenn Lena weint, weint Anke mit. Und umgekehrt. Meist schauen sie sich dann verlegen an und brechen in Gelächter aus. So ein Schamgelächter ist das. Aber auch komplizenhaft. Am meisten weinen beide, wenn sie von dem Moment erzählen, von dem sie heute glauben, dass er sie für alle Zeit miteinander verbindet. Jener, als Lena Anke fragte, ob sie ihre Taufpatin werden wolle. Es war nämlich so, dass Anke christlich erzogen wurde und Lena in ihrem ganzen Leben niemals in der Kirche war.

 

Anke hat Lena, die nicht getauft, nicht ­konfirmiert, nie von einem Gotteswort getrös­tet wurde, in den Gefängnisgottesdienst mitgenommen. Anke, die dafür sorgte, dass Lena zum Gefängnispastor geht und mit ihm über das, was Lena am meisten umtreibt, redet: Schuld und Ver­gebung. Verdammnis und Gnade.

Sich taufen zu lassen, sagt Lena, war ihre eigene Idee. „Weil ich einen Halt ­brauche. Weil ich auch mal ein vernünftiges Leben will. So eines, in dem ich was auf die Reihe kriege und meine Kinder wiederhaben kann.“ Das klingt sehr nach Ankes Duktus. Wie vieles, was Lena sagt, so klingt, als habe es Anke gesagt.

Sie haben gemeinsam den Taufspruch rausgesucht. Erstes Buch Samuel, 16,7: Der Mensch sieht, was vor dem Auge ist, der Herr aber sieht das Herz. Es muss ein feierlicher Tag gewesen sein, für Lena der erste in ihrem Leben überhaupt, an dem sie im Mittelpunkt stand. Und der erste, an dem sie zu hoffen wagte, dass ihre Tat vergeben wird, wenn nicht von den Menschen, nicht von ihrer Mutter, dann doch von jemandem, der höher steht als alle anderen.

 

Über den Proben ist es Herbst geworden. Lena hat tatsächlich gelernt, Anke anzubrüllen. Anke hat gelernt, mit ihren Sätzen zu spielen. Die Aufführung des Stücks als Teil der 10. Lübecker Nacht des Theaters rückt näher. Es werden hundert Zuschauer erwartet, darunter die schleswig-holsteinische Justizministerin Anke Spoorendonk.

 

Lena lässt sich die Haare kurz schneiden. Sie sieht jetzt noch kindlicher aus. Anke sagt, sie wisse nicht, ob sie die Aufregung der Aufführung ertragen könne. Zu Lena sagt sie: „Das schaffst du. Ich bin ja bei dir.“

Die Aufführung wird ein hochemotionales Ereignis. Anke und Lena meistern ihre Rollen mit Bravour, ihnen zittern die Hände, aber sie hängen nicht ein Mal. Und dann: Applaus. Endlich Applaus. Verbeugungen, Rosen, wieder Applaus. Den Schauspielerinnen kommen die Tränen, die vielen Menschen, die Aufregung, alles entlädt sich nun in tiefster Rührung. Anke legt die Arme um Lenas Schultern, eng aneinander gelehnt nehmen sie die Publikumsbegeisterung entgegen, dann gehen sie ab, zurück in ihre Zellen.

 

Anke hat Lena erzählt, dass sie nach der Aufführung entlassen wird. Aber Anke erzählt immer, dass sie bald entlassen wird, und nie ist es wahr, doch jedes Mal schwören sich die beiden, ewig würden sie einander verbunden bleiben. Und jedes Mal hat Lena Angst, Anke könnte diesmal die Wahrheit gesagt haben.

 

Wenn Menschen ertrinken, muss ich wissen, wir haben unser Bestes getan

Im Magazin Brigitte, 2016

Das Boot kommt nicht näher. Es treibt parallel zur türkischen Küstenlinie, seit einer Viertelstunde schon.  „Wie es aussieht“, sagt Lars nach einem langen Blick durch das Fernglas, „ist der Motor ausgefallen.“  „Und wie es aussieht“, brummt Philipp, „kommt dahinten die griechische Küstenwache.“ „Mensch“, sagt Lars, „wenn die hier sind, bevor das Boot in griechischem Gewässer ist, bringen die es zurück in die Türkei.“

Das ist der Moment, in dem Georgia vom Funkgerät aufspringt. Gerade hatte die Grenzschutzagentur Frontex über Funk angefragt, ob sie kommen sollen, aber auch Frontex würde die Flüchtlinge zurückschleppen.  Nein, hatte Georgia schnell gesagt, wir machen das schon, hatte behauptet, das Boot würde sich auf sie zu bewegen.  Jetzt  beginnt sie zu winken. „He“, schreit sie, „hier her. Beeilt euch. “ Und tatsächlich  nimmt das Boot Fahrt auf, kommt näher. Schon sieht man einen Mann, der versucht, mit nur einem Paddel zu manövrieren. Das Boot schlingert, Wellen schwappen ins Innere. Noch näher sieht man wohl dreißig Männer auf dem Bootsrand sitzen, noch näher und die Frauen und Kinder, die in der Mitte auf dem Boden hocken, sind auszumachen. Georgia winkt und winkt. „Schneller, nur  noch ein paar Meter!“

Dann ist es geschafft. Das Boot hat die Grenzlinie zwischen der Türkei und Griechenland überquert, Georgia und Lars machen das Sieges-V. Philipp bringt die Seawatch längsseits. „You made it“, sagt er. Auf dem Flüchtlingsboot werden die Handys hochgehoben, die Kameras laufen. „Thank you, thank you“ rufen die jungen Männer, und „Hello Europe“. Lars reicht schnell eine Rettungsdecke rüber für ein Kind, das klitschnass  im Arm des Vaters hängt. Dann ist die griechische Küstenwache da. „Puh“, sagt Georgia, „das war knapp.“

In dieser Geschichte sterben keine Menschen, zumindest nicht an dem Ort der Geschichte. Weil sie in einem Zeitraum von wenigen Tagen, in einem kleinen Dorf im Norden der griechischen Insel Lesbos spielt und auf dem Streifen Meer davor, der noch zu Griechenland gehört, sechs Kilometer breit. Aber in den Monaten davor sind in diesem Meer Menschen gestorben, man sagt, mindestens 30.000, ertrunken, erfroren, Herzstillstand vor Stress und Furcht. Auch in den Tagen nach dieser Geschichte sind im Mittelmeer  Boote gekentert, Menschen ertrunken, 340 allein im Januar. Und so wird es weiterhin sein.  Vielleicht noch Jahre lang.

In den Tagen, in denen diese  Geschichte spielt, kamen täglich 1500 Menschen auf Lesbos an. Der größte Teil landete im Norden, irgendwo zwischen  den idyllischen Fischerorten Molyvos und Skala Sikamineas. Die meisten trugen Rettungswesten, die so beschaffen waren, dass sie ihnen nicht das Leben retten würden.  Diese Westen blieben am Strand liegen, genauso wie die Gummiboote, seeuntaugliche Billigprodukte aus China, die für vielleicht 30 Menschen gemacht sind und in denen die Schleuser auf der türkischen Seite zumeist die doppelte Anzahl unterbringen. Boote, die nun überall an den Ufern der Insel liegen wie ausgeweidete Wale.

Aber dies ist keine Geschichte über die Flüchtlinge.  Sondern über jene, die ihnen auf dem Meer zur Seite stehen und über jene, die am Ufer auf sie warten und  sie versorgen: mit trockener Kleidung, medizinischer Hilfe, Getränken, Nahrung. Mit freundlichen, tröstenden, warmen Worten.

Das Boot, das Georgia förmlich herbeiwinkte, ist  das dritte an diesem Morgen. Zwei hatte die Crew von Seawatch sicher an die nördliche Küste von Lesbos begleitet, das Dritte  geben sie nun an die Küstenwache ab, die die Menschen an Bord nimmt.

Es war noch dunkel, als Georgia Linardi und ihre Crew wie an jedem Morgen um 6.30 am Hafen von Molyvos an Bord ihres Zodiac Schnellbootes gingen. Das Boot gehört einer kleinen deutschen Hilfsorganisation,  offiziell ist es ein Vergnügungsboot, offiziell fahren Georgia und die anderen nur zum Kaffeetrinken nach Skala Sikamineas.  Tatsächlich suchen sie nach Flüchtlingsbooten im Meer.

Bis die Flüchtlinge in Scharen kamen und in der Folge einige Tausend freiwillige Helfer nach Lesbos reisten, lag Molyvos, wie auch die anderen Orte der Insel, jeden Winter im Dornröschenschlaf. Nun aber sind einige Hotels und Restaurants  geöffnet, nur so früh am Morgen noch nicht. Lediglich in der Patisserie am Dorfeingang sitzen ein paar alte Männer und wärmen sich an Kaffee und Zigaretten. In weiter Ferne sieht man Lichter an der türkischen Küste, am Himmel leuchten ein paar Sterne und irgendwo am Horizont erscheint der erste Streifen Morgenlicht. „Jungs“, sagt Georgia“ so ruhig wie das Meer ist, wird das ein voller Einsatztag.“

Linardi ist 25 Jahre alt, Italienerin, Expertin für Migrationsrecht und  Projektkoordinatorin. An Bord des Rettungsbootes  Seawatch hat sie das Sagen, und das, so wird sie später erzählen, sei  keine leichte Sache. Nicht, weil Linardi nicht wüsste, was sie sagen soll, nicht, weil sie im Ernstfall wichtige Entscheidungen treffen muss wie die, in türkische Hoheitsgewässer zu fahren, wenn ein Boot kentert und womöglich Verhaftung zu riskieren.  Oder die, ob sie die Menschen aus einem Boot, in dem Wasser steht, auf die Seawatch holt oder damit ein  Kentern  riskiert. Und auch nicht deshalb, weil Linardi blond ist und hübsch, von Seefahrt wenig Ahnung hat und weil ihre Crew aus Männern besteht, viel älter als sie, erfahrene Kerle. Wie Philipp, der eigentlich Kapitän auf Expeditionsschiffen in der Arktis ist. Oder Lars, der im normalen  Leben in Frankfurt an der Oder Polizist ist.

Sondern deshalb, weil sie eine Verantwortung fühlt, die kein einzelner Mensch tragen kann. Eine, für die ganz Europa zuständig sein sollte und nicht eine Schar von Freiwilligen, die Menschlichkeit bringen wollen und in ihren Köpfen den Tod mit nach Hause nehmen.  Und deshalb, weil sich vor Lesbos jeden Tag wieder Tragödien abspielen, die Europas humanistische Werte  zur Phrase werden lassen. Linardi stellt diesen Phrasen Sätze entgegen wie:  „Wir erleben schlimme Situationen. Massenpanik, schreiende Menschen,  Menschen, die sich verzweifelt an das Boot klammern, Ertrinkende, Tote. Ich bin für die Crew verantwortlich, ich bin für die Flüchtlinge verantwortlich. Ich muss ruhig bleiben, ich muss das Gefühl von Sicherheit vermitteln. Und ich muss, wenn Menschen dennoch ertrinken, wissen, wir haben unser Bestes getan.“

Linardi ist auf der Insel, seit die Seawatch im vergangenen Herbst ihre Mission vor Lesbos begann. Sieben Tage die Woche steigt sie um sechs Uhr morgens in ihren schweren, wasserfesten Anzug und an manchen Tagen, wenn die Boote im Viertelstundenrhythmus gesichtet werden, erst spät am Abend wieder aus dem Anzug raus.  Ein knochenharter Job: jetzt im Winter ist es kalt auf dem Meer, wenn das Boot über das Wasser rast, fühlt sich jede Welle wie Beton an. Linardi ist zierlich, doch Dutzende Male hat sie Schiffbrüchige aus dem Wasser in die Seawatch gezogen, hat tote Babys im Arm gehalten und Leichen vorbeischwimmen sehen. Monatelang hat sie das ohne Bezahlung getan, eine der vielen Ehrenamtlerinnen, ohne die die Bewältigung des Flüchtlingsstroms nicht denkbar ist.

Eigentlich hatte sie einen guten Job bei den Vereinten Nationen in Genf. Aber sie war nicht glücklich.   „Ich war umgeben von Menschenrechtlern, aber ich sah keine Menschlichkeit.  Es war alles nur  eine Blase.“  Auf die Realität außerhalb dieser Blase traf Linardi 2011 auf der Insel Sizilien. Da sah sie von Süden kommend die Boote,  das ganze Elend der Heimatlosigkeit.  Und von Norden kommend, am Himmel, die Flugzeuge, die nach Süden flogen, um dort Bomben abzuwerfen. „Ist das nicht absurd?  Irre?“, fragt Linardi und lacht. Es ist kein gutes Lachen,  es trägt den Unterton von Zynismus und  Hysterie.

Georgia Linardi ist ein Mensch mit einer hohen Distanzschwelle. Zur Crew, die alle 14 Tage wechselt, sagt sie, halte sie privat Abstand, brauche nach einem Tag auf dem Wasser ihren Rückzug. „Ich bin so erschöpft, dass ich nur noch Ruhe will. Aber es ist eine gute Erschöpfung.“   Linardis Beherrschtheit schwindet, wenn sie über die Flüchtlinge redet, über Arroganz und Gleichgültigkeit der Politiker, die Gesetze und Vorschriften erlassen, um es den Flüchtlingen so beschwerlich wie möglich zu machen, Europa zu erreichen. Wenn sie von dem Gefühls spricht, ein totes Kind aus dem Wasser zu fischen. Dann  kommt ihr die Contenance  abhanden, die sie an Bord zeigt. Dann rauft sie ihre langen Haare, als sei das ein Mittel gegen Verzweiflung und Weltenüberdruss, dann pult sie an dem silbernen Nagellack, den sie scheußlich findet, aber sich vor einigen Tagen gekauft hat, weil sie mal wieder was weiblich-normales machen wollte. „Ich vergesse hier, dass ich eine Frau bin, ich vergesse Schönheit und Eitelkeit.

Als die Seawatch an diesem Morgen das erste Boot sichtet, wird es langsam hell. An der türkischen Küste gehen nach und nach die Lichter aus und auf der griechischen Seite, über der Insel, steigt die Sonne über die schneebedeckten Kuppen der Berge, bringt sie zum Leuchten.  Schön sieht das aus,  so als wolle Lesbos mit diesem Licht wie mit Sirenengesang locken. Auch die Insassen des Bootes, Syrer die meisten, einige Afghanen, Iraker, sehen das so. Väter heben ihre Kinder hoch, zeigen auf die Berge, die jungen Männer filmen, ruhig gleitet das Boot dahin, die Seawatch fährt entspannt nebenher, es bleibt genügend Zeit für ein paar Sätze nach dem Woher und Wohin. „Gott segne euch“, ruft eine Frau, als das Flüchtlingsboot das Ufer erreicht und die Seawatch abdreht. „Er segne und beschütze euch.“   „Und euch“, rufen Georgia und Lars.

Europa erreicht, dem Krieg, dem Terror, der Zerstörung und Lebensgefahr entflohen. Manche Flüchtlinge küssen den Boden, die meisten weinen vor Überwältigung, Erleichterung und Erschöpfung. Doch  hinter ihnen liegt meist nicht einmal die Hälfte ihrer Reise.  Was noch kommt sind Berge und weitere Grenzen, kalte Nächte, Entbehrungen, Versteck-Spiel und Angst. Immer kleiner wird die Zahl der Länder, die den Fliehenden Gelobtes Land sein können.  Und immer lauter die Stimmen derjenigen, die den Weg nach Europa gänzlich verbarrikadieren wollen.  Menschen in Parlamenten, die Grenzen schließen und Retter wie Georgia Linardi des Schleppertums anklagen wollen.

Es sind diese Tatsachen, die Georgia Linardi frustrieren, erschöpfen, verbittern. „It fucks you up“ sagt sie -  und dafür gibt es keine angemessene Übersetzung. Es falle ihr schwer, den Flüchtlingen in die Augen zu sehen. „Willkommen in Europa sagen wir. Ich schäme mich dafür. Es muss heißen: Willkommen im Nirgendwo. Aber man kann ihnen nicht sagen, Leute, wenn ihr wüsstet, was ihr noch vor euch habt. Wir brandmarken diese Menschen  als Gefahr von außen, wir behandeln sie wie einen Notfall, der vorübergeht, nicht wie ein strukturelles Phänomen, für das wir Lösungen finden müssen.“

Linardi kam durch Zufall zur Organisation Seawatch. Ein Freund erzählte ihr von dieser verrückten , kleinen Organisation, die mit einem hundert Jahre alten Frachtschiff Menschen rettet, die von der libyschen Küste aus das Mittelmeer überqueren und die zufällig eine Expertin für internationales Recht suchten. Linardi schmiss alles hin und begann als Ehrenamtlerin auf  der Insel  Lampedusa. Als Seawatch ein zweites Boot erstand und ihre Search-and-Rescue-Mission auf Lesbos begann, wurde Linardi Missionschefin, seit zwei Monaten bekommt sie auch ein Gehalt. 

Was über Lesbos hereingebrochen ist, ist auch für Lesbos eine Katastrophe. Nicht nur der Müll, der von den Überfahrten übrig bleibt, die Boote,  die letzten Reste dessen, was einmal ein Leben war: Familienphotos, handgeschriebene Suren auf Schulheftzetteln, Landesfahnen, Talismänner.  Nein, auch der Tod und damit der Einbruch des Tourismus sind über die Insel  gekommen, denn wer will schon an Stränden sich sonnen, an denen Leichen angespült werden und in den Restaurants essen, wenn nur wenige Meter weiter die nassen und beladenen Flüchtlinge aus den Booten gehoben werden. 

Schon seit Jahren ist die Insel Ziel der Flüchtlinge, lange wurden diese in aller Stille von den Einwohnern versorgt. Bis es zu viele waren.  Nach und nach kamen freiwillige Helfer auf die Insel, Menschen aus aller Welt, aus allen Gesellschaftsschichten. Die meisten jung, idealistisch. Sie bleiben Wochen, manche Monate, sie zahlen ihren Aufenthalt aus eigener Tasche, sie wollen Zeichen setzten, helfen,  Sinn finden. Im Oktober gab es den bislang schlimmsten Schiffbruch vor der Insel, dreihundert Menschen ertranken. Es waren die Freiwilligen, die die Leichen bargen, die Überlebenden trösteten. Sie waren gekommen, um menschlich zu sein, nun mussten sie die Unmenschlichkeit der Situation ertragen lernen. 

Ein Raum ohne Möbel in einem Gebäude in Molyvos. Dreißig Menschen sitzen auf dem Boden, es ist kalt, sie sind in Decken gehüllt. Auf dem Bildschirm eines Laptops läuft ein Video, vier junge Menschen singen ein Lied von der Macht der Gemeinsamkeit, der Liebe. „When we come together, ocean we will be. Please don’t cry and if you do, I will cry with you.“

Die dreißig sind Freiwillige der Organisation Starfish, einer von vielen Hilfsorganisationen in Molyvos. Das Lied haben sie getextet und vertont, es ist nun das offizielle Starfish-Lied. Man kann den Text kitschig finden, man kann sich wundern über die Einfachheit der Botschaft in einer komplexen und  grausamen Welt. Aber man kann sich der Dynamik dieser Zeilen, der Energie dieser Menschen nicht entziehen.

Elena Michael gehört seit zwei Wochen dazu und wenn es nach ihr geht, dann verlässt sie die Insel  und die Gemeinschaft nicht wieder so bald. Oder wenn, dann nur, um zuhause in London, wo die 21jährige Internationales Menschenrecht studiert, Geld zu verdienen und so schnell wie möglich zurück zu kehren.

Michael ist ein lebhafter Mensch, Ihr Vater stammt aus Zypern, ihre Mutter ist Britin, die Tochter hatte viele Freiheiten und lernte früh den Wert von Bildung.  Schon als Teenager las sie politische Bücher und wollte die Welt zum Guten verändern, bis sie meinte zu verstehen, dass die Welt zu schlecht ist, um besser zu werden.

 Für Michael sind die Tage auf Lesbos wie eine Heilung. Sie sei politikmüde gewesen, sagt sie,  nicht aus Desinteresse, sondern weil das,  was die Politiker sagten, taten, für sie keinen Bezug mehr zur Realität hatte.  „Ich habe mich innerlich abgekoppelt“. Dann las sie über die Situation auf Lesbos, ging jobben, sparte und kaufte sich ein Flugticket dorthin.  Kam nach Molyvos und konnte endlich aufhören, sich im Kreis zu drehen.

Die ersten Flüchtlinge werden um  5.30 mit dem Boot der Küstenwache gebracht. Starfish arbeitet im Hafen von Molyvos, dort werden diejenigen empfangen, deren Boot seeuntüchtig ist, die das Ufer nicht mehr erreichen können.  Michael  war eine Woche auf der Insel, als ein Baby wegen Unterkühlung auf der Überfahrt starb, sie begleitete die Eltern in die Pathologie. Sie wusste nicht, was sie zu der Mutter sagen sollte, also hat sie mit ihr geweint.

Die Freiwilligen leisten Rund-um-die Uhr-Schichten.  Michael soll an diesem Tag eigentlich erst ab Mittag arbeiten, aber sie konnte nicht schlafen, steht früh am Hafen von Molyvos.  Es ist bitterkalt. Von der Ankunft der Flüchtlinge werden die Empfangsteams zehn Minuten vorher unterrichtet. Dann muss es schnell gehen. Eine Absperrung wird aufgebaut, ein Tisch heran getragen,  um die Menschen  dort registrieren zu können. Michaels schleppt die Kisten mit trockener Kleidung, sie sind beschriftet: Schuhe Kinder, Schuhe Erwachsene, Mützen, Schals, Hosen Männer.  In einer Kiste sind Rettungsdecken, die den nassen Menschen schnell umgelegt werden, um die schlimmste Kälte zu mindern.  Wasserflaschen, Kindernahrung, Tüten mit Käsebroten.

Die Ankommenden sind einigermaßen trocken, sie sind in guter Verfassung. Ein Vater trägt ein Neugeborenes in einer Reisetasche, der Junge wurde auf der Flucht geboren. Ein junger Afghane dolmetscht, zwei Mädchen wollen ein Foto mit Michaels.  Die Käsebrote finden keinen Anklang, bald liegen die Käsescheiben auf dem Boden, wo sich die Straßenhunde eine Weile um sie balgen und sie dann auch nicht fressen wollen.  Ein alter Mann berührt mit der Stirn den Boden,  immer und immer wieder, er weint, seine Söhne richten ihn wieder auf.  Michael wickelt die Kinder ein, streichelt, macht Scherze, schleppt trockene Schuhe heran, Socken, Handschuhe.  Die Flüchtlinge stellen sich in eine Reihe, warten geduldig, bis ihre Namen notiert sind, später warten sie ebenso geduldig auf den Bus, der sie zur zentralen Regierungsstelle in der Insel Hauptstadt bringt. Und auch dort werden sie weiter warten, mit Kind und Kegel, in Kälte und Regen.

„Was wir diesen Menschen zumuten….Es gibt dafür keine Worte.“  Einige Stunden und drei Boote später sitzt Elena Michael in der Taverne Captain’s table, die so etwas wie die Kommandozentrale von Starfish ist, und versucht, sich an einem Becher Tee wieder zu wärmen.  Gleich wird sie zwei neuen Freiwilligen eine Einführung geben, wird die Aufgaben erläutern, die Verantwortung betonen, wird sagen, dass es nicht immer leicht sein wird. „Ihr werdet Tragik erleben.“ Aber dass die Gemeinschaft toll sei, man sich aufgefangen und aufgehoben fühle.  Sie wird sagen, wie gut sie es findet, dass die beiden gekommen sind und einen ihrer wohlformulierten Sätze hinzufügen: „Wir leben in einer Welt, in der viel zu wenige sich engagieren und glauben, die Situation, wie wir sie hier erleben, ist akzeptabel.  Es ist traurig, dass wir an diesen Punkt gekommen sind.“

Acht Schichten muss Michael pro Woche übernehmen.  Mal am Hafen, mal in der Organisation und mal im Auffanglager, wo sie Kleidung verteilt. Der letzte Job ist unbeliebt, weil das Lager der Polizei untersteht und die mit den Flüchtlingen nicht gut umgeht, manchmal kommt es zu Gewalt. Michael erledigt 13 Schichten pro Woche, ihr Zimmer, sagt sie, sei ohnehin zu kalt um zu schlafen, mehr noch aber lasse das, was sie erlebt, sie nicht zur Ruhe kommen.

Kalt, müde, hart arbeitend. Dass sich das so viele zumuten, die meisten ein zweites, drittes, viertes Mal wieder nach Lesbos kommen, wundert Michael nicht. „Meine Generation hat nicht mehr viele Möglichkeiten, sich zu beweisen, erwachsen zu werden. Viele, die hierher kommen, tun das auch, um endlich wachsen zu können, um der Scheinwelt auf Instagram zu entkommen, um endlich einmal aus ihrer Geborgenheit gerissen zu werden.“

Am Abend  kommt der Künstler Aiweiwei überraschend ins Captain’s table.  Er ist auf der Insel für ein Projekt, mit dem er auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen will.  Michaels, die zwei Drucke von ihm besitzt und ihn bewundert wie einen Helden, ist plötzlich gar nicht mehr erwachsen, sondern außer sich vor Begeisterung. Vor allem, als der Künstler sie überraschend anspricht, ein Foto mit ihr macht. Längst sind alle nach Hause gegangen, da hüpft sie  noch immer wie ein Kind auf der Straße herum und quietscht vor Vergnügen.  „Was ich hier erlebe“, sagt sie, „werde ich nie vergessen.“  

 

Ein paar Stunden später steht sie wieder am Hafen. Mitten in der Nacht kommt ein Boot.  Als die Menschen versorgt sind, ist es Morgen. Die lange Hauptstraße von Molyvos entlang watschelt die Crew der Seawatch in ihren Anzügen wie Enten zu ihrem Boot.  Keine besonderen Vorkommnisse, wird Georgia Linardi am Abend in ihre Notizen schreiben. Was sie damit meint ist: ein Tag ohne Tote. 


Hinter Gittern

Erschienen in Nido Mai 2015

In einer ugandischen Besserungsanstalt werden Straßenkinder und unerwünschte Söhne und Töchter wie Müll abgeladen. Hunger, Schläge, Kälte und Einzelhaft gehören von dort an für die Kinder zum Alltag. Das oft jahrelange Martyrium überleben nicht alle.


Der Direktor scheucht einen Jungen, den er zum Gespräch bestellt hatte, aus dem Zimmer. Dessen nackter Oberkörper zeigt, dass er ein Neuzugang ist. Neuzugänge wohnen halbnackt  in jener Baracke, die sie hier „the black house“ nennen. Der Direktor sagt, bitte, nehmen sie Platz, Sie sind von weither gekommen, um hier bei uns die schlimmen Kinder zu sehen. Kinder, die schlecht für die Gesellschaft sind. Der Junge von eben sei zum Beispiel ein besonders schwerer Fall. Ein unbelehrbarer Dieb, der nun schon zum fünften Mal gefangen wurde. Was der Junge denn gestohlen habe? „Essen“, sagt der Direktor. Aber diesmal würden sie ihn gut bewachen und frühestens mit 18 Jahren werde er wieder in Freiheit kommen.  

Der Direktor trägt einen grauen Anzug, der ist ihm zu groß, Löcher an den Ärmeln und Schmutz am Revers. Sein Büro ist im oberen Stock des Empfangsgebäudes, das einst von den britischen Kolonialherren erbaut wurde und sich lange dem Verfall ergeben hat. Dunkler Schimmel dringt durch die letzten Flecken weißer Aussenfarbe, die Erker sind weggebrochen, die Fenster ohne Scheiben. Nur die Plakette, die davon berichtet, dass vor sieben Jahren die First Lady, Mama Janett Museveni, höchstpersönlich zum Wohle der Kinder Ugandas diese Stätte renovieren ließ, glänzt noch golden in der Sonne.

Wir sind in Kampiringisa. Eine Verwahranstalt für Kinder in Uganda, eine Art Gefängnis mit Freigang. Ein Ort, dessen Trostlosigkeit sich der Worte entzieht. Für die Kinder, die man hierher bringt, die man wie Müll im staubigen, dreckigen Hof der Anstalt auskippt und fortan schlägt, einsperrt, hungern und frieren lässt, bleien an diesem Ort nur zwei Optionen: zu zerbrechen oder immer wieder zu fliehen, zurückgebracht und schwer bestraft zu werden. Wer nach Kampiringisa kommt, ist verloren und wer aus Kampiringisa fortläuft, der ist es auch.

Der Direktor hat für jene, über die er hier gemeinsam mit zwei bewaffneten Polizisten und einer Handvoll  schlagstockbewehrter Chargen wacht, klare Bezeichnungen. Verbrecher seien dies, die die Straßen der Hauptstadt Kampala unsicher machen oder ungehorsam gegen ihre Eltern sind. In dem Gebäude, in dem er in der Schäbigkeit seines Büros residiert,  haben sich Vögel eingenistet. Der Gestank ihres Kots mischt sich mit dem von Fäkalien, der dringt aus dem Keller, wo man bis vor vier Jahren die Kinder in einem fensterlosen Raum an einen Stuhl band und mit Elektroschocks traktierte. Alle, bis sie vor Schmerz und Angst ihren Darm entleerten. Manche, bis sie starben. Bis hinauf in das Büro des Direktors dringt dieser Gestank und vermischt sich dort mit dem Odor von Urin, Furcht, Gewalt und Einsamkeit, der über Kampiringisa liegt wie ein fauliger  Himmel.

Wir dürften gar nicht hier sein. Irgendwer im tiefsten Kern der ugandischen Regierung, die diesen Ort zu verantworten hat, scheint zu ahnen, dass Kampiringisa Ugandas Schande ist, vor Journalisten und damit vor der Welt gut verborgen sein muss. Irgendwer muss ahnen, dass ein Land, welches sich als Demokratie bezeichnet und internationale Kinderrechtskonventionen unterzeichnet hat, hier schuldig wird. Doch wo kein Kläger, da ist keine Anklage und jene, deren Menschenrecht die ugandische Regierung hier mit Füßen tritt, haben keine Lobby. Es sind Kinder, zurzeit 221, die jüngsten zwei Jahre alt und kaum fähig, auf eigenen Beinen zu laufen, die ältesten 19 Jahre alt und mit Gesichtern, in die das Grauen Linien gezeichnet hat.

Um nach Kampiringisa zu kommen, geben wir uns als Unterstützter jener Hilfsorganisation aus, ohne deren Hilfe die Zustände in Kampiringisa noch unerträglicher wären. Foodstep, heißt die Organisation, sie wird geleitet von Nathalie Seliffet, einer Belgierin, die diesen Ort vor vielen Jahren zufällig sah und ihr christlich motiviertes Lebenswerk darin fand, die Kinder von Kampiringisa retten zu wollen. Mit ihr und einem der ehemaligen Kampiringisa-Kinder, dem 17jährigen Yvan, fahren wir, von der Hauptstadt Kampala kommend,  eine Stunde Richtung Westen. Kampiringisa liegt abseits der asphaltierten Straße in einem weiten Tal, das idyllisch wäre, stünden die Baracken nicht wie aschfahle Geschwüre in der grünen, hügeligen Landschaft.  Gleich wird einem klar, dies ist ein Ort an dem Kinder keine Besserung erfahren, sondern an dem ihre Seelen zerstört werden.

Der Geruch ist das erste, was einen anfällt wie ein wildes Tier. Er entsteigt der Erde, den Gebäuden. Er klebt an den Kindern, die angerannt kommen, barfuß und in zerfetzter Kleidung, die keinen Schutz vor dem kühlen Wind bietet, der von den Hügeln weht. Sie stürzen sich hungrig nach Körpernähe auf die Besucher, klammern sich an Beine und Arme. Kalte Hände greifen nach einem, krallen sich in die Haare, zerren an der Kleidung. Wer näher dran ist, verteidigt seine Position durch Zischen, Treten und Schlagen, die weiter hinten stehenden Kinder kämpfen ums Vordringen mit Zähnen und Fäusten. Bis ein Wärter mit Schlagstock sich nähert und sie davonstieben.

Der Direktor ist ein Angestellter der ugandischen Regierung, ein kleiner Befehlsempfänger, aber seine Macht über diese Kinder ist groß. Ihr Schicksal liegt allein in seiner Hand. Die meisten dieser Kinder sind vogelfrei und rechtlos. Straßenkinder, die niemanden haben, der sie behütet. Sie werden in Kampala von der Polizei aufgelesen, in Kampiringisa wie Tiere gehalten. Über das Maß ihrer Strafe bestimmt der Direktor. Für Betteln gibt es ein halbes Jahr, für das Stehlen von Essen ein Jahr. Wiederholungstäter, Kinder, die schon mal in Kampiringisa waren und flohen, müssen mindestens zwei Jahre bleiben. Oder mehr. Es gibt Kinder, die sind seit zehn Jahren in Kampiringisa und längst ist ihnen jede Hoffnung auf ein Leben ohne Qual abhanden gekommen. Sie heißen Sam und Dennis, Esther und Yvonne, Namen, die sie sich selbst gaben, weil sie sich an keine Eltern erinnern. Als wir sie fragen, warum sie in Kampiringisa sind, wiederholen sie, was man ihnen hier eintrichtert: Damit ich ein besserer Mensch werde.

Die andere Gruppe sind Kinder, die von ihren Eltern gebracht wurden. Unerwünschter Nachwuchs, dem man irgendeine Untat unterstellt. „Stubborn“ seien sie gewesen, sagen diese Kinder: Dickköpfig. Die meisten Eltern kommen nie wieder, um ihre Kinder abzuholen.

Bei unserem ersten Besuch ist es Mittag, als wir ankommen. Gerade kocht das „Frühstück“ auf dem Feuer: eine dünne Suppe aus Maismehl und Wasser. Einige Kinder versuchen, sich dem Topf zu nähern, werden mit Ruten weggeschlagen. Die Ausgabe der dünnen Brühe gleicht einer Raubtierfütterung.  Jedes Kind kämpft darum, als erstes an den Topf zu kommen, mit ihren Tellern sitzen sie dann im Dreck, mit den Fingern löffeln sie die Suppe in den Mund, stürzen sich auf die leeren Töpfe und lecken den Rest aus. Die meisten Kinder haben gerade Röteln, die Kleinen haben die Pusteln aufgekratzt, eitrige Wunden sind daraus geworden, auf denen sich die Fliegen tummeln.

In Kampiringisa hat die Angst viele Orte. Die Zelle ist einer davon. Hinter dem Empfangsgebäude ist ein staubiger Platz, auf dem die Kinder spielen können. Vier Stöcke markieren zwei Fußballtore.  Dahinter ein Gebäude mit Küche und Essraum, dann folgen die Baracken. Dunkle Gänge. Yvan, das ehemalige Kampiringisa-Kind, der mit zwei Jahren zum ersten Mal hierher kam und sieben mal floh, hatte uns von dieser Zelle erzählt. Viele Wochen habe er damals dort verbringen müssen, nackt auf dem kalten Boden, zusammen mit manchmal 40 Kindern. So eng war es, dass man nicht liegen konnte. 40 Kinder aneinander gedrängt und das einzig Gute daran, hat Yvan gesagt, war die Körperwärme der anderen.

Wir stehen vor einer Tür, zweieinhalb Meter Höhe Eisen, von außen ein Riegel, gesichert mit einem Schloss. Wo das Eisen endet, beginnen Gitterstäbe, fünfzig Zentimeter voneinander entfernt. Die Zeiten der wochenlangen Zellenhaft sind vorbei, doch immer noch werden einzelne Kinder dort für ihre Vergehen eingesperrt. „Hallo“, rufen wir, nackte Füße tapsen, ein Sprung gegen die Tür, zwei Hände greifen die Stäbe. Zwischen den Stäben erscheint das Gesicht eines Jungen. „Hallo. Kannst du sprechen?“ Nicken. Die Pupillen gleiten hin und her, versuchen die Gefahr zu bestimmen, die von uns aus geht. „Wir tun dir nichts. Wie heißt du?“ „Nisamba“ sagt der Junge. „Wie lange bist du schon da drin? „Zwei Tage“. Hast du gegessen? Er schüttelt den Kopf. „Heute noch nicht.“ „Weshalb bist du hier?“ „Weil ich ein schlechter Mensch bin.“

Nisamba ist zum dritten Mal in Kampiringisa. Der 17jährige ist ein Straßenkind. Zweimal ist er schon geflohen, nun hat ihn die Polizei vor ein paar Tagen wieder aufgegriffen. „Die Zelle“, hatte der Direktor beim Gespräch behauptet „ist nur für Hitzköpfe, nur für ein paar Stunden.“ Wenig später sorgt er dafür, dass Nisamba während der Zeit unserer Anwesenheit die Zelle verlassen darf.

Auch vom black house hatte Yvan uns schon erzählt. Davon, wie die Kinder bis vor einigen Jahren dort auf dem Boden lagen, keine Betten, keine Decken, in der Ecke für die Notdurft ein paar Eimer, die selten geleert wurden. Viele Kinder hatten Cholera, die Fäkalien wuchsen zu einem Berg an. Die Wärter warfen Essen durch die Fenster, die waren ohne Scheiben und der Nachtwind war immer kalt. Yvan beschrieb, wie sich die Kinder auf das Essen stürzten. Immer gewannen die Starken und die Kranken, die nicht schnell genug waren, blieben hungrig. Im black house starben die Kinder an Malaria und Cholera und niemanden kümmerte es.

Die Anzahl der Tage, die man im black house verbringt, hängt von den „Untaten“ ab, davon, ob man sich in Kampiringisa schnell in sein Schicksal ergibt oder wütet und weint. „Yvan“, fragen wir, „wie hält man das aus als kleines Kind? Die Einsamkeit, den Schmerz, das Gefühl des Ausgeliefert-Seins?“ „Ich habe viel geweint“, sagt Yvan. „Und gehofft, dass ein Wunder geschieht.“ Manche der Kinder, erzählt er uns, hätten aus Verzweiflung die letzten Reste der einstigen Glasscheiben aus den Fensterrahmen entfernt, hätten sie mit den bloßen Händen kleingeschlagen und geschluckt. Andere hätten sich, wenn sie in die normalen Schlafräume verlegt wurden, mit ihren Hosen erhängt. Die größte Furcht der Kinder war der „elektrische Stuhl“ im Kellerraum des Empfangsgebäudes, der mit Metallstücken beschlagen war, an denen Stromkabel hingen. Die Kinder wurden dort festgebunden. Jede Bewegung ein Stromschlag. „Man durfte nicht einschlafen“, sagt Yvan und in seinen Augen ist ein Abglanz des Entsetzens von damals zu sehen. „Einschlafen konnte den Tod bedeuten.“

Ein Junge, eines der Langzeit-Kampiringisa-Kinder, die sich Im Laufe der Jahre Privilegien erworben haben, schließt uns das black house auf. Er wird danach die Wächter informieren, doch die halten sich zunächst zurück, uns bleibt eine halbe Stunde mit den Jungen dort. Neun sind es, sie liegen auf schmierigen, zerrissenen Schaumstoffmatratzen unter filzigen Decken. Dass es heute Betten gibt und Latrinen für die Jungen, dass sie nicht mehr nackt sein müssen, sondern wenigstens ihre Hose anbehalten dürfen, ist Foodstep zu verdanken.

Der stechende Gestank des Raumes ist fast unerträglich, er legt sich als bitterer Geschmack auf die Zunge. An einer Wand klebt ein Poster des letzten Abendmahls, schon so verblichen, dass die Jünger kaum noch zu erkennen sind. Nur Jesus in der Mitte ist noch klar umrissen. In eine Ecke hat jemand in ungelenker Schrift geschrieben: Never give up hope, please. Bitte gib die Hoffnung niemals auf.

Die Jungen haben Angst mit uns zu reden, Angst, dafür bestraft zu werden. Sie liegen apathisch auf den Betten und heben kaum den Kopf. Nur einer sagt, ja, er wolle erzählen, irgendeiner müsse ihn doch endlich mal hören. Lagongo heißt er, 15 Jahre alt, er kommt aus einer weit entfernten Provinz des Landes und wurde zu einem Jahr „verurteilt“. Die Richter: seine Mutter, sein Stiefvater. Lagongos Verbrechen: er hatte versucht, sich umzubringen. Nach Jahren der körperlichen und sexuellen Misshandlungen durch seinen Stiefvater, Jahre der Knochenbrüche, Demütigungen, des Hungers, hatte er das Leben nicht mehr ausgehalten. Essen gab es für den Jungen selten, drei Jahre lang ging er zur Schule, dann beschloss der Stiefvater, er solle lieber arbeiten. Morgens auf den elterlichen Feldern, nachmittags auf den Feldern der anderen Dorfbewohner. Lagongo wurde zum Kindersklaven. Irgendwann knüpfte sich eine Schlinge, nachdem er die Nachbarn angebettelt hatte, ihm zu helfen, und alle hatten mit den Schultern gezuckt.

Dass seine Eltern ihn nach dem Jahr wieder abholen, daran glaubt er nicht, und wenn, dann hieße das nur neues Martyrium. Er wird in Kampiringisa bis zur Volljährigkeit bleiben, dort immerhin zur Schule gehen, doch die Jahre werden nicht reichen, einen Abschluss zu machen. Was sagt man diesem Jungen, der klar erkennt, dass er keine Zukunft hat. Ohne eine Heimat, ohne ein Feld, das er beackern kann, um zu überleben. „Wohin soll ich gehen?“, fragt Lagongo. Wir haben keine Antwort. Kaum ein Gefühl könnte klebriger sein als jenes, den Raum wieder zu verlassen und seinen Blick im Rücken zu spüren.

Kampiringisa war einmal eine Kaserne.  Um das Jahr 2000 widmete man den leerstehenden Bau zur Besserungsanstalt für Kinder um. Damals gab es noch Psychologen und Sozialarbeiter, Essen und medizinische Versorgung. Doch dann flohen immer mehr Menschen vor den Konflikten im Norden von Uganda, aus dem Acholiland, wo der notorische Kriegsverbrecher Joseph Kony Kinder entführte und zu Soldaten machte und die Menschen in riesigen Flüchtlingslagernd darbten. Flohen aus Karamoja, wo sich bewaffnete nomadische Gruppen bekämpften und es ohnehin kaum Nahrung gab. Als Kampala sich nicht als Rettung erwies, setzten sie dort ihre Kinder aus.  Schließlich waren es Tausende, die im Rinnstein schliefen und Essen stahlen. So viele, dass die Polizei begann, die Kinder in Lastwagen zu laden und nach Kampiringisa zu schaffen. Irgendwann hörte die Regierung auf, dort die Sozialarbeiter zu bezahlen, Essen und Medikamente zu bringen. Ein Erwachsener nach dem anderen verschwand,  die Kinder waren sich selbst und der Gnade einiger prügelnder Aufpasser überlassen. Sie versuchten, Gemüse anzubauen, doch die Aufpasser verkauften den größten Teil der Ernte. Das waren die Jahre, in denen Yvan in Kampiringisa lebte, durchhielt allein mit dem Gedanken, eines fernen Tages noch ein anderes Leben zu haben.  2006 unterzeichnete die Regierung die  UN-Kinderrechtskonvention und ratifizierte einen Aktionsplan, um dem Problem der Kinderarmut und der vielen Straßenkinder Herr zu werden. Implementiert wurde davon bis heute wenig.

Foodstep begann 2008 in Kampiringisa zu arbeiten. Es brauchte viele Jahre und zähe Verhandlungen mit der Regierung, um die Lage dort für die Kinder erträglich zu machen. Erst wurden Betten und Decken gebracht, dann Essen, Medikamente, Kleidung. Eine Schule wurde gebaut, Lehrer eingestellt. Nach und nach gelang es, die Strafmaßnahmen zu mildern, das ungezügelte Prügeln einzudämmen. Scheiben wurden in die Fenster eingesetzt, Waschräume und Toiletten gebaut. Auch der Raum mit dem elektrischen Stuhl wurde geschlossen. Das Gemüse, das auf den Feldern angebaut wird, bekommen heute die Kinder, außerdem gibt es Küche, Schweine, Hühner, eine Tischlerei, Schmiede und Schusterei als Ausbildungsstätten. Nach und nach wurde aus der Hölle ein Ort, an dem man immerhin überleben kann.

Bei unserem nächsten Besuch ist in Kampiringisa der einmal im Monat stattfindende „Partytag“. Nathalie hat lange reden müssen, um den Direktor zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur Kleidung und Nahrung, sondern auch einige Stunden des Frohsinns brauchen. Der Direktor hat lange geantwortet, Musik und Spiel verderbe die Kinder, sie würden verwöhnt und aufmüpfig.

Als wir an diesem Partysamstag ankommen, haben die Kinder versucht, sich sauber zu waschen. Nathalie bringt Nudeln und Fleisch, von den eigenen Feldern haben die Kinder Kohl geholt. Das Feuer brennt schon, Wasser kocht. Yvan macht den DJ. Viele der älteren Jungen hier kennen ihn noch, gemeinsam haben sie schon auf den Straßen von Kampala gelebt, gemeinsam die schlimmen Jahre in Kampiringisa überstanden. Der Unterschied ist nur: Yvan ist raus. Er gehörte zur Gruppe der ersten Kinder, die Nathalie aus der Anstalt holen und in ihrem Foodstep-Programm unterbringen konnte. Yvan hatte sich an sie geklammert damals und ihr gesagt, er wolle sterben, er halte die Schläge nicht mehr aus. Inzwischen leben 85 gerettete Kinder in Nathalies Programm und bekommen regelmäßige Mahlzeiten, Schulbildung, schlafen in hellen, sauberen Räumen. Da ist Rosie, zwei Jahre, die Nathalie in Kampiringisa unter einer Plane fand, die dort im Sterben lag und dann doch überlebte, Mose, dessen Hand seine Mutter in kochendes Öl tauchte, Abraham, der ein Menschenopfer werden sollte, weil sein Vater glaubte, dadurch reich zu werden – jedes von Nathalies Kindern hat eine solche Geschichte.

Yvan hat sich an diesem Tag chic gemacht, ein Jacket angezogen. Er sticht aus den Kindern heraus wie ein Paradiesvogel. Seine Augen haben lange den stumpfen Ausdruck der Einsamkeit verloren, wie sie in den Augen der Kampiringisa-Kinder liegt. „Keine Schläge, kein Hunger, keine Kälte mehr, jeden Tag bin ich darüber froh“, hatte er zu uns gesagt und davon erzählt, dass er nun Tourismus studiert und ein Buch über Straßenkinder und ihr Schicksal schreibt. Yvan ist sich sicher, errettet zu sein. Doch am Ende dieses Tages weiß er es besser.

Vielleicht wütend über den Frohsinn, der sich für ein paar Stunden breit macht, befiehlt der Direktor - noch während die Kinder fröhlich tanzen -  Yvan zum Gespräch. Foodstep verderbe ihn, sagt er, Yvan würde sich wohl für etwas Besseres halten. Der Direktor droht, ihn jederzeit wieder nach Kampiringisa holen zu können, dann macht er Nathalie Vorhaltungen, sie strafe die Kinder zu wenig. Eigentlich wollte diese ihn bitten, ein Mädchen mitnehmen zu dürfen, das schwanger ist, doch nun sagt sie davon lieber nichts. Yvan weint, packt die Musikanlage zusammen, verkriecht sich ins Auto, Nathalie drängt zum Aufbruch. Noch einmal klammern sich die Kinder an unsere Beine, und als wir abfahren, steht Lagongo da und sieht uns an, als warte er noch immer auf eine Antwort. „Manchmal“ sagt Yvan irgendwann auf der Rückfahrt, „denke ich, wer einmal in Kampiringisa landet, der kann niemals mehr entkommen. Dieser Ort ist wie der Teufel, der dir deine Seele abkauft.“

 

Wer Kampiringisas Kinder unterstützen möchte, der kann Sponsor bei Foodstep werden. Nähere Informationen unter: www.kampiringisa.org oder unter foodstep@hotmail.com