Kein Weg. Nirgends

Anfänge

Diese Geschichte handelt von Flüchtlingen, die an der serbisch-ungarischen Grenze darauf warten, einen Weg über diese Grenze zu finden. Allein, zu zweit, In einer Gruppe.  Es gibt rund ein Dutzend solcher Orte an Europas Außengrenzen, an denen zumeist junge Männer, selten Familien, versuchen, die letzten Kilometer, die sie noch von der Europäischen Union trennen, illegal zu überwinden.  An einer Stelle, die weniger bewacht ist, in einer mondlosen Nacht, allein oder mit Hilfe eines Schleppers. Sie nennen diese Versuche „Das Spiel“.

 

Manche haben das Spiel schon ein Dutzend Mal gespielt und sind immer wieder gescheitert. Nach jedem Scheitern kehren sie zurück in die Ruinen, in denen sie wohnen oder in Camps, die man für sie einrichtete. Manche wohnen in Zelten, schlafen auf der Straße, in verlassenen Hangars und Fabrikhallen. Dort warten sie darauf, dass ihre Familien ihnen wieder Geld über Western Union schicken. Oder sie einen besseren Schlepper finden. Oft wandern sie bei Tag den Zaun ab und schauen, wo sich ein Schlupfloch bietet. Dazwischen versuchen sie, die Zeit tot zu schlagen. Es gibt nichts zu tun. Und eigentlich gibt es auch nichts zu hoffen, denn das Europa der EU verpuppt sich, vermauert sich, lässt immer neue Verteidiger seiner Wälle aufmarschieren. 

Zehntausende stehen davor und können nicht weiter.  Wie Findlinge, die ein sterbender Gletscher vor sich herschob und dann liegen ließ.  Nur wollen  sie das nicht wahrhaben.  

Das Projekt

 

2018 bekamen Klaus Petrus und ich das Kartographen- Stipendium für Recherchen entlang der geschlossenen Grenzen Europas. Wir suchten und fanden Menschen, die sich ein neues Leben in der Europäischen Gemeinschaft verprachen und nach langer Flucht nicht vor und nicht mehr zurück können. 

 

Wie, so überlegten wir, erzählt man über jene, die auf der Flucht sind, ohne sie zu Abziehbildern, zu Stereotypen einer Elendsgeschichte zu machen. Wie vermeidet man die gängigen Klischees, die gefährlichen Definitionen, die aus der Tatsache, dass Menschen gen Europa fliehen, eine Art Katastrophenzustand machen: Flüchtlinge als Welle, das Ereignis einer Massenemigration als Krise. Wie kommt man umhin, jene, die wir treffen, darauf  zu reduzieren, Opfer oder Gefährdung zu sein, nichts weiter als ein abgerissener Mensch auf der Flucht? Denn hatten sie nicht einmal ein Leben? Einen Alltag, Normalität, Familie, Freunde, Lebensziele? Lasen sie nicht Bücher, hatten Lieblingsgerichte, Kindheitserinnerungen? Waren sie nicht auch einmal das, was wir sind? Menschen, die hoffen, das Leben würde ihnen geben, was ein Leben einem gemeinhin so verspricht: Glück, Freude, Erfolg, Liebe?

 

 

Reicht es, fragten wir uns, diese Menschen zu individualisieren, ihnen ein Gesicht, einen Namen, eine Geschichte zu geben. Wir bezweifelten es. Deshalb, weil die meisten der Geschichten schon so vielfach erzählt wurden, dass ihnen entlang des Erzählens die Authentizität verloren geht. Man müsste nicht nur kommen und wieder gehen, wieder in sein bequemes Auto steigen und die Nacht in einem warmen Hotel verbringen, um wirklich zu verstehen, man müsste bleiben, vielleicht Monate, müsste sich entfernen vom offensichtlichen und typisierten, man müsste begreifen können, was Zeit und Raum in einem Flüchtlingsleben bedeutet und woran sich Hoffnungen festmachen oder vergehen. 

 

Unsere Reise entlang der Außengrenzen des europäischen Westens, unsere Recherchen in verlassenen Ruinen, in denen zumeist junge Männer wie Aussätzige essen, schlafen, leben, in Camps, in denen es wohl Versorgung, aber keinen Frieden, gibt, auf den Straßen, in Parks, in Cafés und an den Irgendwo-im Nirgendwo-Orten, den Wäldern, den Bergen, den leeren Landschaften, die einsam machen und müde, die wie endlos scheinen, wenn man sie durchqueren muss, unsere Begegnungen mit denen, für die es kein Weiter und kein Zurück gibt, führten uns immer wieder zu der Erkenntnis, das Sprache und Bilder nur unzureichend abbilden können, wie die Wirklichkeit der Flüchtlinge ist.

 

Und sie führten zu einer Frage, auf die wir keine Antwort fanden: Kann es eine humane Form der Politik gegenüber den Abertausenden auf ihrem Weg nach Europa geben? Eine, an der die Gesellschaften in Westeuropa nicht zerbrechen, weil sie sich in unversöhnliche Lager teilen?


Life in shame -Stories about Fistula

2016 erhielten Fabian Weiss und ich ein Stipendium, um zum Thema Fisteln zu recherchieren. Jährlich sterben noch immer 3 Millionen Frauen bei der Geburt oder an den folgen interner Verletzungen durch Vergewaltigungen. Wir reisten in den Kongo und nach Äthiopien und brachten viele erschütternde Geschichten mit.  Veröffentlicht wurden diese in Spiegel online, fluter, der Frankfurter Rundschau, in El Pais (Spanien), in Public Forum, in der Brigitte, der Berliner Zeitung, Amnesty Deutschland und der Welt der Frau (Österreich). Unsere Reportagen generierten so viele Spenden, dass die Organisation Fistula e.V. neue Mitarbeiter einstellen musste, um das Spendenaufkommen zu bewältigen. Darüber sind wird sehr glücklich. Ebenso glücklich hat es uns gemacht, dass Denis Mukwege, einer der wenigen Chirurgen auf der Welt, die Fisteln operieren können, 2018 den Friedensnobelpreis bekam. Mukwege, den wir im Rahmen unserer Recherchen interviewten und über ihn ein Porträt schrieben, hat Tausende Frauen geheilt, die Opfer sexueller Gewalt wurden und ist zugleich ein unermüdlicher Mahner, die Welt möge hinschauen, was in seinem Heimatland, dem Kongo geschieht, möge ihre Waffenlieferungen einstellen, kein Blutcoltan mehr finanzieren und sich aussprechen gegen das Morden und Vergewaltigen. 6 Millionen Menschen sind seit den 90er Jahren in den Konflikten des Kongo gestorben, an die Hunderttausend Frauen vergewaltigt worden, doch die Welt ignoriere das, sagt Mukwege. Ich wünsche diesem wunderbaren Mann weiterhin viel Mut und die Energie, sich gegen Windmühlenflügel zu stemmen.  

Multimediareportage Spiegel online September 2017

Es war nicht leicht, Medien zu finden, die bereit waren, sich einem so intimen Thema zu widmen. Die Frankfurter Rundschau fand dieses wert, uns ein ganze Wochenendmagazin zu geben und unsere Reportage auf 7 Seiten zu drucken. 

Brigitte Magazin 2017

Berliner Zeitung 2017