blauumrandete tage

 

der see schlug blaue wellen

aus dem grauen schilf flochten die schwäne

sich sommers ein bett.

wir stachen eine höhle

ins torf die tische

mit ackerkraut geschmückt.

fünf jahre schliefen wir ohne träume.

im dorf suchten sie uns. die eltern

weinten umsonst und doch 

es war schon vorgekommen dass

jemand verschwand  man ihn erhängt

an dem apfelbaum fand

der nie wieder blühte.

 

manches war  gut bis der hinkende

vergass zum mond zu klagen

mit einem jagdgewehr 

erst die sau  dann seinen vater erschoss

 –im stall – wo beide im selben blute lagen.

manchmal kommt mir das eine

das andere erneut in den sinn

der strauss aus drillichskerben

kamille im haar

die träume mit

blauem rand der laue

regen die rüben

vom feld und die lieder die meine

mutter mir

an keinem abend sang.

 

 

 

 

 


waldesruh

für klaus

 

ich zöge so gern mit dir

in den wald  du weißt schon

am rande der ferne 

da bring ich dir knollen und blüten 

und beeren so grade

vom strauch

 

dann mit sattem

bauch bau ich uns endlich

ein haus

aus tau und was

die spinnen von ihren netzen 

mir lassen.

kinderglaube

für klaus

 

angenommen ich fände

die blaue blume

nach der

dichter sich sehnten.

der eine erträumte

der andere suchte sie

vergebens die

jahrhunderte

gingen darüber

hinweg

 

lange schon

hält sich der mythos

ihrer magie als

dass man daran

noch glauben fände

und schon gar nicht eine

wie ich  einer

wie du.

 

und doch angenommen

ich  legte

sie in deine nacht

auf dein erkaltetes herz

fänden wir dann nach haus, nach haus.

 

zurück ins licht? 


 

 

nacht in der sahara

 

am tag schon haben wir die uhren zerstört

mit den zahnrädern den hungrigen das maul

gestopft die zeiger nagelten wir an die

blassen mauern von nouakchott. erst als

der weg endet fragen wir was das wird diese

sehnsucht nach nirgendwo und singenden winden.

bei nomaden finden wir rast. der rauch von feuer

weist unsere träume in grenzen  bis in der ferne die 

lieder verklingen. den becher voll ziegenmilch trinken 

die hunde leer. schon fallen im westen sterne aufs land.

zum schlafen spannen wir den himmel von halbmond zu halbmond

und auf dem bogen der dünen zieht licht wie karawanen davon.

 

in dieser nacht glauben wir an gottes hand. 


maitag am schlagbaum

There is a silcence where hath been no sound (Thomas Hood)

 

Der himmel bleibt davor dahinter fressen schlammbraune zikaden ihres und der anderen gleichen,  wer heute auf welcher seite für welchen grund geopfert wird, steht eines tages vielleicht in den büchern. ach ja, mal wieder

ein maientag da drängt die schwüle die menschen zu dingen gleich hinter dem schlagbaum liegt einer ist besoffen oder auch tot die ziege starb wohl schon gestern seither fressen die krähen aus ihrem hohlen bauch. die händlerinnen  tragen  limonade von zitronen  über den schlagbaum  schwingt der soldat aus bangladesch blauhelm und heimweh.  auf der gegenspur rollt der toyota-konvoi der befreiten sie jubeln der heimat entgegen und letztes mal sagt mit unterton die grenzpolizistin reisten sie noch als künstlerin ein sie sind wohl flexibel. keinesfalls sag ich mit bissigem mut diese grenze verlange nach der kunst des lebens

 

und zahl gleich den preis: visum verweigert. am abend werfen sie den betrunkenen und was die krähen von der ziege ließen auf einen wagen da sitz ich mit bier in den gärten von gisenyi und saufe  mir meine kongolesische sehnsucht schön. 


addis abeba am abend

 

vom hotelbalkon fällt mein blick

auf hungerquartiere dunlop motorenöl

 kanister unter dem fliegenfleisch

sechs stockwerke tief 

wellgeblechte hütten nix zu fressen

denke ich aber satellitenschüsseln

auf dem dach lachen die maribu über diese

vergessenen sechs

stockwerke tiefer gefallen

als ich.

 

haut und knochen hatten sie dafür

kaiser und kommunis

mus meningistu und

ich nur brot

schreit das kind

vor der hütte

sechs stockwerke hoch werfen sie hier

schatten bis die sonne im metaphysischen

abenddunst ihr rot verschluckt

hättest du das kind gesehen du

 

sagte der vater früher

solltest mal die schweineschwänze

essen dann wüsstest du. 

 

 

 


genozidgedenkstätte

für damas dukundane

 

wie züge die nicht mehr fahren

auf rostbraunen gleisen geparkt für eine ewigkeit

die aufgebahrten toten.

drinnen wohnen wohl seelen in den vertrockneten

kehlen draußen geht der wind

hier und anderswo brauchen

unsere taten  keinen grund

als uns selbst.

an so einem ort!  an so einem ort

reihen sich worte zu nutzlosen tönen

mit träumenden augen verschlingen  die lebenden

das herz der toten an jedem tag 

ist immer nacht. 


weihnacht

 

in der heiligen nacht sind mir alle katzen

grau bekleidet das

vergebliche sich mit meinem

gewesenen

morgengestern bleiben

die herzen zuhaus

die lichter

brennen für

was weiß denn ich.

 

immer wünsch ich mir

einfach mal nichts und neuen glauben.

noch einmal ein kindlein in tuch

und krippe und wunder unter

dem stern

von bethlehem. 

 

 


tödliche freiheit

 

ein flüchtiger mittagswind

bewandert die bougainvilla

bis ihre blüten ins taumeln geraten

und wie verträumte schiffe auf ruhigem meer

segeln, segeln, flirrende luft.

 

soldaten auf dem weg

in die blütenlosen kreise des krieges

auf lastwagen geklebt

im drillichschweiß ihrer körper

laden die gewehre mit

ihren oszillierenden seelen

halten den lauf in den wind.

 

glücklose blüten

auf lauf und haar

ziehen in die schlacht.

noch vor dem abend brennt eine stadt

der letzte vogel zwitschert 

den flammen ein lobeslied


september

für tjorven

 

der lavendel ist verblüht allein

die rosen  tragen noch duft

am gartentor klebt

ein toter schmetterling.

 

dass man das alte vergessen muss dem neuen

vergeben verschwiegen wir unseren isomorphen

träumen und  versprachen

uns bis zum nimmerlein : wurzeln und flügel.

 

was bleibt? an der türzarge die abgestrichenen

jahre unserer zeit und

auf deinem kissen federn

von einer

verlorenen schlacht um

einen ewigwährenden tag.   

 

 


ars moriendi

für Bartholomäus Grill

 

noch immer ist es der eine

name der einem das herz

das wort gefriert.  

nyamata.

bei nacht am kreuz verging

der gottessohn selig sangen sie zur elften stunde  

sind die barmherzigen.

es regnet hier im april.  das schlachten

dauerte vom ersten bis zum letzten dämmer.

selbst das licht war abschiedslos und hernach

legten die untoten die kleidung auf den bänken ab

ließen das blut

an der muttergottes wie herbstblätter am letzten ast

derweil sie

den unrettbar gekreuzigten noch lange beklagten und sahst du auch die  knochen

stapelten sie in reih und glied den rest

fraßen die hunde.

nur manchmal

spült der regen die erde fort

steigen die toten 

ans licht.


abschied von der tochter

für jona

 

den weg landaus zur ferne  

nahm das kind

bepackt

mit sack und ade pfiff

liedchen blies atem

zu schwaden versprach sich

neuland  die schatten

zu blenden wie licht.

 

jetzt sagte das kind

beginnt

dieses streben zu schwindenden

ufern das strecken

und beugen vom  aufbruch zu träumen

bis die feuer erloschen und glut

uns erwärmt.

 

tausende winter

bannten die sommer, die zärtlichen

spiele der kindheit

so sagt man

man liebt nie genug.

 

 


die frau im dorf

 

in den falten ihres kleides

fangen sich die tage bis es zerreißt

die füße stampfen die hirse die kinder

winden sich wie schlangen an ihrer brust.

am abend setzt sie den mond auf einen plastikstuhl

kratzt den hunger aus den zähnen 

und wartet auf nichts.


grenze mit kindersoldat 

 

wie kann sag ich empört zu dem kind dieser weg

gesperrt sein hier mitten im land das kind

hat seine  augen eingebrannt ins hirsebier  sagt

es sei hier der wachsoldat . dazu hebt es den lauf der uzi

25 schuss. wir sind die befreier! keine weiterfahrt

am straßenrand wächst farn im überfluss  im kegel

der vulkane fangen  sich schleier aus niedrigen  wolken

und dunst. es hat eine holzlatte mit nägeln über die fahrbahn gelegt

zweihundert dollar für den freien weg  halt lieber den mund

sagt der fahrer in mein murren und general ! ruft er zu dem kind

wie wärs mit essen dir muss der magen knurren hat man

in dieser öde vergessen wie hungrig  soldaten sind. nimm hier das halbe brot und

auch  von dem cassava. gierig schlingt das kind. und sagt mit vollem mund

für einhundert dollar könnten wir fahren nur aus dem grund es kenne den fahrer er sei

wie es selbst  aus masisi. die mutter des fahrers vater verwandt nun lachen

die beiden schüttelt eine hand die andere sagt das kind fünf scheine, cassava und 

das brot zur gänze  dann würde es seine grenze von der fahrbahn nehmen

 und gäbe uns bis zum nächsten posten mit seiner uzi geleit so fahren 

wir durch das  totenreich mit einem kind hinten  im wagen. 


 

flug über die namib

 

wie kindertraum und wunderland

dieses unbewegte

verformen des wüstensands

das stete

gekräusel im wind das erleuchtete  

flirren wie glut ohne feuer.

 

ach bleiben.

im dürftigen weilen und 

seufzen ins flüchtige   

jetzt.


lüderitz

 

es gibt wetter da sehen sie

niemals das wasser fließt ihnen die wüste

entgegen kommt einer vom meer

mit der flut

verliert sich ein anderer

zum land in die stille

du kennst nicht die nebel die schattigen

geister doch

bricht sich die möwe

am sturm ihre flügel

bewahrt sie der felsen 

vor schwindendem licht. 


hundstage

 

nein es erstirbt kein himmel

wie das meer im dezemberfrost

nur messerscharf mein schlaf.

schabt noch vor mitternacht

brustwirbel, knochen

rauchsäulendünn

am fransenrand dieser steinernen tage

wisch ich endlich

das alberne geflimmer fort,

die spurlose fährte

eines niemals-wirklich-gewesen und streichle dabei

noch einmal 

das glück wie einen zugelaufenen hund.