Hinter Gittern

Erschienen in Nido Mai 2015

In einer ugandischen Besserungsanstalt werden Straßenkinder und unerwünschte Söhne und Töchter wie Müll abgeladen. Hunger, Schläge, Kälte und Einzelhaft gehören von dort an für die Kinder zum Alltag. Das oft jahrelange Martyrium überleben nicht alle.


Der Direktor scheucht einen Jungen, den er zum Gespräch bestellt hatte, aus dem Zimmer. Dessen nackter Oberkörper zeigt, dass er ein Neuzugang ist. Neuzugänge wohnen halbnackt  in jener Baracke, die sie hier „the black house“ nennen. Der Direktor sagt, bitte, nehmen sie Platz, Sie sind von weither gekommen, um hier bei uns die schlimmen Kinder zu sehen. Kinder, die schlecht für die Gesellschaft sind. Der Junge von eben sei zum Beispiel ein besonders schwerer Fall. Ein unbelehrbarer Dieb, der nun schon zum fünften Mal gefangen wurde. Was der Junge denn gestohlen habe? „Essen“, sagt der Direktor. Aber diesmal würden sie ihn gut bewachen und frühestens mit 18 Jahren werde er wieder in Freiheit kommen.  

Der Direktor trägt einen grauen Anzug, der ist ihm zu groß, Löcher an den Ärmeln und Schmutz am Revers. Sein Büro ist im oberen Stock des Empfangsgebäudes, das einst von den britischen Kolonialherren erbaut wurde und sich lange dem Verfall ergeben hat. Dunkler Schimmel dringt durch die letzten Flecken weißer Aussenfarbe, die Erker sind weggebrochen, die Fenster ohne Scheiben. Nur die Plakette, die davon berichtet, dass vor sieben Jahren die First Lady, Mama Janett Museveni, höchstpersönlich zum Wohle der Kinder Ugandas diese Stätte renovieren ließ, glänzt noch golden in der Sonne.

Wir sind in Kampiringisa. Eine Verwahranstalt für Kinder in Uganda, eine Art Gefängnis mit Freigang. Ein Ort, dessen Trostlosigkeit sich der Worte entzieht. Für die Kinder, die man hierher bringt, die man wie Müll im staubigen, dreckigen Hof der Anstalt auskippt und fortan schlägt, einsperrt, hungern und frieren lässt, bleien an diesem Ort nur zwei Optionen: zu zerbrechen oder immer wieder zu fliehen, zurückgebracht und schwer bestraft zu werden. Wer nach Kampiringisa kommt, ist verloren und wer aus Kampiringisa fortläuft, der ist es auch.

Der Direktor hat für jene, über die er hier gemeinsam mit zwei bewaffneten Polizisten und einer Handvoll  schlagstockbewehrter Chargen wacht, klare Bezeichnungen. Verbrecher seien dies, die die Straßen der Hauptstadt Kampala unsicher machen oder ungehorsam gegen ihre Eltern sind. In dem Gebäude, in dem er in der Schäbigkeit seines Büros residiert,  haben sich Vögel eingenistet. Der Gestank ihres Kots mischt sich mit dem von Fäkalien, der dringt aus dem Keller, wo man bis vor vier Jahren die Kinder in einem fensterlosen Raum an einen Stuhl band und mit Elektroschocks traktierte. Alle, bis sie vor Schmerz und Angst ihren Darm entleerten. Manche, bis sie starben. Bis hinauf in das Büro des Direktors dringt dieser Gestank und vermischt sich dort mit dem Odor von Urin, Furcht, Gewalt und Einsamkeit, der über Kampiringisa liegt wie ein fauliger  Himmel.

Wir dürften gar nicht hier sein. Irgendwer im tiefsten Kern der ugandischen Regierung, die diesen Ort zu verantworten hat, scheint zu ahnen, dass Kampiringisa Ugandas Schande ist, vor Journalisten und damit vor der Welt gut verborgen sein muss. Irgendwer muss ahnen, dass ein Land, welches sich als Demokratie bezeichnet und internationale Kinderrechtskonventionen unterzeichnet hat, hier schuldig wird. Doch wo kein Kläger, da ist keine Anklage und jene, deren Menschenrecht die ugandische Regierung hier mit Füßen tritt, haben keine Lobby. Es sind Kinder, zurzeit 221, die jüngsten zwei Jahre alt und kaum fähig, auf eigenen Beinen zu laufen, die ältesten 19 Jahre alt und mit Gesichtern, in die das Grauen Linien gezeichnet hat.

Um nach Kampiringisa zu kommen, geben wir uns als Unterstützter jener Hilfsorganisation aus, ohne deren Hilfe die Zustände in Kampiringisa noch unerträglicher wären. Foodstep, heißt die Organisation, sie wird geleitet von Nathalie Seliffet, einer Belgierin, die diesen Ort vor vielen Jahren zufällig sah und ihr christlich motiviertes Lebenswerk darin fand, die Kinder von Kampiringisa retten zu wollen. Mit ihr und einem der ehemaligen Kampiringisa-Kinder, dem 17jährigen Yvan, fahren wir, von der Hauptstadt Kampala kommend,  eine Stunde Richtung Westen. Kampiringisa liegt abseits der asphaltierten Straße in einem weiten Tal, das idyllisch wäre, stünden die Baracken nicht wie aschfahle Geschwüre in der grünen, hügeligen Landschaft.  Gleich wird einem klar, dies ist ein Ort an dem Kinder keine Besserung erfahren, sondern an dem ihre Seelen zerstört werden.

Der Geruch ist das erste, was einen anfällt wie ein wildes Tier. Er entsteigt der Erde, den Gebäuden. Er klebt an den Kindern, die angerannt kommen, barfuß und in zerfetzter Kleidung, die keinen Schutz vor dem kühlen Wind bietet, der von den Hügeln weht. Sie stürzen sich hungrig nach Körpernähe auf die Besucher, klammern sich an Beine und Arme. Kalte Hände greifen nach einem, krallen sich in die Haare, zerren an der Kleidung. Wer näher dran ist, verteidigt seine Position durch Zischen, Treten und Schlagen, die weiter hinten stehenden Kinder kämpfen ums Vordringen mit Zähnen und Fäusten. Bis ein Wärter mit Schlagstock sich nähert und sie davonstieben.

Der Direktor ist ein Angestellter der ugandischen Regierung, ein kleiner Befehlsempfänger, aber seine Macht über diese Kinder ist groß. Ihr Schicksal liegt allein in seiner Hand. Die meisten dieser Kinder sind vogelfrei und rechtlos. Straßenkinder, die niemanden haben, der sie behütet. Sie werden in Kampala von der Polizei aufgelesen, in Kampiringisa wie Tiere gehalten. Über das Maß ihrer Strafe bestimmt der Direktor. Für Betteln gibt es ein halbes Jahr, für das Stehlen von Essen ein Jahr. Wiederholungstäter, Kinder, die schon mal in Kampiringisa waren und flohen, müssen mindestens zwei Jahre bleiben. Oder mehr. Es gibt Kinder, die sind seit zehn Jahren in Kampiringisa und längst ist ihnen jede Hoffnung auf ein Leben ohne Qual abhanden gekommen. Sie heißen Sam und Dennis, Esther und Yvonne, Namen, die sie sich selbst gaben, weil sie sich an keine Eltern erinnern. Als wir sie fragen, warum sie in Kampiringisa sind, wiederholen sie, was man ihnen hier eintrichtert: Damit ich ein besserer Mensch werde.

Die andere Gruppe sind Kinder, die von ihren Eltern gebracht wurden. Unerwünschter Nachwuchs, dem man irgendeine Untat unterstellt. „Stubborn“ seien sie gewesen, sagen diese Kinder: Dickköpfig. Die meisten Eltern kommen nie wieder, um ihre Kinder abzuholen.

Bei unserem ersten Besuch ist es Mittag, als wir ankommen. Gerade kocht das „Frühstück“ auf dem Feuer: eine dünne Suppe aus Maismehl und Wasser. Einige Kinder versuchen, sich dem Topf zu nähern, werden mit Ruten weggeschlagen. Die Ausgabe der dünnen Brühe gleicht einer Raubtierfütterung.  Jedes Kind kämpft darum, als erstes an den Topf zu kommen, mit ihren Tellern sitzen sie dann im Dreck, mit den Fingern löffeln sie die Suppe in den Mund, stürzen sich auf die leeren Töpfe und lecken den Rest aus. Die meisten Kinder haben gerade Röteln, die Kleinen haben die Pusteln aufgekratzt, eitrige Wunden sind daraus geworden, auf denen sich die Fliegen tummeln.

In Kampiringisa hat die Angst viele Orte. Die Zelle ist einer davon. Hinter dem Empfangsgebäude ist ein staubiger Platz, auf dem die Kinder spielen können. Vier Stöcke markieren zwei Fußballtore.  Dahinter ein Gebäude mit Küche und Essraum, dann folgen die Baracken. Dunkle Gänge. Yvan, das ehemalige Kampiringisa-Kind, der mit zwei Jahren zum ersten Mal hierher kam und sieben mal floh, hatte uns von dieser Zelle erzählt. Viele Wochen habe er damals dort verbringen müssen, nackt auf dem kalten Boden, zusammen mit manchmal 40 Kindern. So eng war es, dass man nicht liegen konnte. 40 Kinder aneinander gedrängt und das einzig Gute daran, hat Yvan gesagt, war die Körperwärme der anderen.

Wir stehen vor einer Tür, zweieinhalb Meter Höhe Eisen, von außen ein Riegel, gesichert mit einem Schloss. Wo das Eisen endet, beginnen Gitterstäbe, fünfzig Zentimeter voneinander entfernt. Die Zeiten der wochenlangen Zellenhaft sind vorbei, doch immer noch werden einzelne Kinder dort für ihre Vergehen eingesperrt. „Hallo“, rufen wir, nackte Füße tapsen, ein Sprung gegen die Tür, zwei Hände greifen die Stäbe. Zwischen den Stäben erscheint das Gesicht eines Jungen. „Hallo. Kannst du sprechen?“ Nicken. Die Pupillen gleiten hin und her, versuchen die Gefahr zu bestimmen, die von uns aus geht. „Wir tun dir nichts. Wie heißt du?“ „Nisamba“ sagt der Junge. „Wie lange bist du schon da drin? „Zwei Tage“. Hast du gegessen? Er schüttelt den Kopf. „Heute noch nicht.“ „Weshalb bist du hier?“ „Weil ich ein schlechter Mensch bin.“

Nisamba ist zum dritten Mal in Kampiringisa. Der 17jährige ist ein Straßenkind. Zweimal ist er schon geflohen, nun hat ihn die Polizei vor ein paar Tagen wieder aufgegriffen. „Die Zelle“, hatte der Direktor beim Gespräch behauptet „ist nur für Hitzköpfe, nur für ein paar Stunden.“ Wenig später sorgt er dafür, dass Nisamba während der Zeit unserer Anwesenheit die Zelle verlassen darf.

Auch vom black house hatte Yvan uns schon erzählt. Davon, wie die Kinder bis vor einigen Jahren dort auf dem Boden lagen, keine Betten, keine Decken, in der Ecke für die Notdurft ein paar Eimer, die selten geleert wurden. Viele Kinder hatten Cholera, die Fäkalien wuchsen zu einem Berg an. Die Wärter warfen Essen durch die Fenster, die waren ohne Scheiben und der Nachtwind war immer kalt. Yvan beschrieb, wie sich die Kinder auf das Essen stürzten. Immer gewannen die Starken und die Kranken, die nicht schnell genug waren, blieben hungrig. Im black house starben die Kinder an Malaria und Cholera und niemanden kümmerte es.

Die Anzahl der Tage, die man im black house verbringt, hängt von den „Untaten“ ab, davon, ob man sich in Kampiringisa schnell in sein Schicksal ergibt oder wütet und weint. „Yvan“, fragen wir, „wie hält man das aus als kleines Kind? Die Einsamkeit, den Schmerz, das Gefühl des Ausgeliefert-Seins?“ „Ich habe viel geweint“, sagt Yvan. „Und gehofft, dass ein Wunder geschieht.“ Manche der Kinder, erzählt er uns, hätten aus Verzweiflung die letzten Reste der einstigen Glasscheiben aus den Fensterrahmen entfernt, hätten sie mit den bloßen Händen kleingeschlagen und geschluckt. Andere hätten sich, wenn sie in die normalen Schlafräume verlegt wurden, mit ihren Hosen erhängt. Die größte Furcht der Kinder war der „elektrische Stuhl“ im Kellerraum des Empfangsgebäudes, der mit Metallstücken beschlagen war, an denen Stromkabel hingen. Die Kinder wurden dort festgebunden. Jede Bewegung ein Stromschlag. „Man durfte nicht einschlafen“, sagt Yvan und in seinen Augen ist ein Abglanz des Entsetzens von damals zu sehen. „Einschlafen konnte den Tod bedeuten.“

Ein Junge, eines der Langzeit-Kampiringisa-Kinder, die sich Im Laufe der Jahre Privilegien erworben haben, schließt uns das black house auf. Er wird danach die Wächter informieren, doch die halten sich zunächst zurück, uns bleibt eine halbe Stunde mit den Jungen dort. Neun sind es, sie liegen auf schmierigen, zerrissenen Schaumstoffmatratzen unter filzigen Decken. Dass es heute Betten gibt und Latrinen für die Jungen, dass sie nicht mehr nackt sein müssen, sondern wenigstens ihre Hose anbehalten dürfen, ist Foodstep zu verdanken.

Der stechende Gestank des Raumes ist fast unerträglich, er legt sich als bitterer Geschmack auf die Zunge. An einer Wand klebt ein Poster des letzten Abendmahls, schon so verblichen, dass die Jünger kaum noch zu erkennen sind. Nur Jesus in der Mitte ist noch klar umrissen. In eine Ecke hat jemand in ungelenker Schrift geschrieben: Never give up hope, please. Bitte gib die Hoffnung niemals auf.

Die Jungen haben Angst mit uns zu reden, Angst, dafür bestraft zu werden. Sie liegen apathisch auf den Betten und heben kaum den Kopf. Nur einer sagt, ja, er wolle erzählen, irgendeiner müsse ihn doch endlich mal hören. Lagongo heißt er, 15 Jahre alt, er kommt aus einer weit entfernten Provinz des Landes und wurde zu einem Jahr „verurteilt“. Die Richter: seine Mutter, sein Stiefvater. Lagongos Verbrechen: er hatte versucht, sich umzubringen. Nach Jahren der körperlichen und sexuellen Misshandlungen durch seinen Stiefvater, Jahre der Knochenbrüche, Demütigungen, des Hungers, hatte er das Leben nicht mehr ausgehalten. Essen gab es für den Jungen selten, drei Jahre lang ging er zur Schule, dann beschloss der Stiefvater, er solle lieber arbeiten. Morgens auf den elterlichen Feldern, nachmittags auf den Feldern der anderen Dorfbewohner. Lagongo wurde zum Kindersklaven. Irgendwann knüpfte sich eine Schlinge, nachdem er die Nachbarn angebettelt hatte, ihm zu helfen, und alle hatten mit den Schultern gezuckt.

Dass seine Eltern ihn nach dem Jahr wieder abholen, daran glaubt er nicht, und wenn, dann hieße das nur neues Martyrium. Er wird in Kampiringisa bis zur Volljährigkeit bleiben, dort immerhin zur Schule gehen, doch die Jahre werden nicht reichen, einen Abschluss zu machen. Was sagt man diesem Jungen, der klar erkennt, dass er keine Zukunft hat. Ohne eine Heimat, ohne ein Feld, das er beackern kann, um zu überleben. „Wohin soll ich gehen?“, fragt Lagongo. Wir haben keine Antwort. Kaum ein Gefühl könnte klebriger sein als jenes, den Raum wieder zu verlassen und seinen Blick im Rücken zu spüren.

Kampiringisa war einmal eine Kaserne.  Um das Jahr 2000 widmete man den leerstehenden Bau zur Besserungsanstalt für Kinder um. Damals gab es noch Psychologen und Sozialarbeiter, Essen und medizinische Versorgung. Doch dann flohen immer mehr Menschen vor den Konflikten im Norden von Uganda, aus dem Acholiland, wo der notorische Kriegsverbrecher Joseph Kony Kinder entführte und zu Soldaten machte und die Menschen in riesigen Flüchtlingslagernd darbten. Flohen aus Karamoja, wo sich bewaffnete nomadische Gruppen bekämpften und es ohnehin kaum Nahrung gab. Als Kampala sich nicht als Rettung erwies, setzten sie dort ihre Kinder aus.  Schließlich waren es Tausende, die im Rinnstein schliefen und Essen stahlen. So viele, dass die Polizei begann, die Kinder in Lastwagen zu laden und nach Kampiringisa zu schaffen. Irgendwann hörte die Regierung auf, dort die Sozialarbeiter zu bezahlen, Essen und Medikamente zu bringen. Ein Erwachsener nach dem anderen verschwand,  die Kinder waren sich selbst und der Gnade einiger prügelnder Aufpasser überlassen. Sie versuchten, Gemüse anzubauen, doch die Aufpasser verkauften den größten Teil der Ernte. Das waren die Jahre, in denen Yvan in Kampiringisa lebte, durchhielt allein mit dem Gedanken, eines fernen Tages noch ein anderes Leben zu haben.  2006 unterzeichnete die Regierung die  UN-Kinderrechtskonvention und ratifizierte einen Aktionsplan, um dem Problem der Kinderarmut und der vielen Straßenkinder Herr zu werden. Implementiert wurde davon bis heute wenig.

Foodstep begann 2008 in Kampiringisa zu arbeiten. Es brauchte viele Jahre und zähe Verhandlungen mit der Regierung, um die Lage dort für die Kinder erträglich zu machen. Erst wurden Betten und Decken gebracht, dann Essen, Medikamente, Kleidung. Eine Schule wurde gebaut, Lehrer eingestellt. Nach und nach gelang es, die Strafmaßnahmen zu mildern, das ungezügelte Prügeln einzudämmen. Scheiben wurden in die Fenster eingesetzt, Waschräume und Toiletten gebaut. Auch der Raum mit dem elektrischen Stuhl wurde geschlossen. Das Gemüse, das auf den Feldern angebaut wird, bekommen heute die Kinder, außerdem gibt es Küche, Schweine, Hühner, eine Tischlerei, Schmiede und Schusterei als Ausbildungsstätten. Nach und nach wurde aus der Hölle ein Ort, an dem man immerhin überleben kann.

Bei unserem nächsten Besuch ist in Kampiringisa der einmal im Monat stattfindende „Partytag“. Nathalie hat lange reden müssen, um den Direktor zu überzeugen, dass die Kinder nicht nur Kleidung und Nahrung, sondern auch einige Stunden des Frohsinns brauchen. Der Direktor hat lange geantwortet, Musik und Spiel verderbe die Kinder, sie würden verwöhnt und aufmüpfig.

Als wir an diesem Partysamstag ankommen, haben die Kinder versucht, sich sauber zu waschen. Nathalie bringt Nudeln und Fleisch, von den eigenen Feldern haben die Kinder Kohl geholt. Das Feuer brennt schon, Wasser kocht. Yvan macht den DJ. Viele der älteren Jungen hier kennen ihn noch, gemeinsam haben sie schon auf den Straßen von Kampala gelebt, gemeinsam die schlimmen Jahre in Kampiringisa überstanden. Der Unterschied ist nur: Yvan ist raus. Er gehörte zur Gruppe der ersten Kinder, die Nathalie aus der Anstalt holen und in ihrem Foodstep-Programm unterbringen konnte. Yvan hatte sich an sie geklammert damals und ihr gesagt, er wolle sterben, er halte die Schläge nicht mehr aus. Inzwischen leben 85 gerettete Kinder in Nathalies Programm und bekommen regelmäßige Mahlzeiten, Schulbildung, schlafen in hellen, sauberen Räumen. Da ist Rosie, zwei Jahre, die Nathalie in Kampiringisa unter einer Plane fand, die dort im Sterben lag und dann doch überlebte, Mose, dessen Hand seine Mutter in kochendes Öl tauchte, Abraham, der ein Menschenopfer werden sollte, weil sein Vater glaubte, dadurch reich zu werden – jedes von Nathalies Kindern hat eine solche Geschichte.

Yvan hat sich an diesem Tag chic gemacht, ein Jacket angezogen. Er sticht aus den Kindern heraus wie ein Paradiesvogel. Seine Augen haben lange den stumpfen Ausdruck der Einsamkeit verloren, wie sie in den Augen der Kampiringisa-Kinder liegt. „Keine Schläge, kein Hunger, keine Kälte mehr, jeden Tag bin ich darüber froh“, hatte er zu uns gesagt und davon erzählt, dass er nun Tourismus studiert und ein Buch über Straßenkinder und ihr Schicksal schreibt. Yvan ist sich sicher, errettet zu sein. Doch am Ende dieses Tages weiß er es besser.

Vielleicht wütend über den Frohsinn, der sich für ein paar Stunden breit macht, befiehlt der Direktor - noch während die Kinder fröhlich tanzen -  Yvan zum Gespräch. Foodstep verderbe ihn, sagt er, Yvan würde sich wohl für etwas Besseres halten. Der Direktor droht, ihn jederzeit wieder nach Kampiringisa holen zu können, dann macht er Nathalie Vorhaltungen, sie strafe die Kinder zu wenig. Eigentlich wollte diese ihn bitten, ein Mädchen mitnehmen zu dürfen, das schwanger ist, doch nun sagt sie davon lieber nichts. Yvan weint, packt die Musikanlage zusammen, verkriecht sich ins Auto, Nathalie drängt zum Aufbruch. Noch einmal klammern sich die Kinder an unsere Beine, und als wir abfahren, steht Lagongo da und sieht uns an, als warte er noch immer auf eine Antwort. „Manchmal“ sagt Yvan irgendwann auf der Rückfahrt, „denke ich, wer einmal in Kampiringisa landet, der kann niemals mehr entkommen. Dieser Ort ist wie der Teufel, der dir deine Seele abkauft.“

 

Wer Kampiringisas Kinder unterstützen möchte, der kann Sponsor bei Foodstep werden. Nähere Informationen unter: www.kampiringisa.org oder unter foodstep@hotmail.com