Das Herz, eine Heimat

Kachetien ist die Seele Georgiens. Bei einer Supra, einer traditionellen Tafel, werden die Freundschaft, der Frieden und die Liebe besungen

Die Georgier erzählen gerne Legenden. Je später die Nacht, desto verwegener die alten Geschichten, die sich um das Land und seine Menschen ranken. Eine Legende, um die kein Georgien-Reisender umhin kommt, geht so: Als der liebe Gott die Erde unter den verschiedenen Völkern aufteilte, ließ er einen Vertreter jedes Volkes an seinen Thron kommen und sein Stück der Erde entgegen nehmen. Nur die Georgier, die wieder einmal die Nacht hindurch gesungen, getrunken und gegessen hatten, verschliefen den Termin. Wieder ernüchtert, war der Jammer groß. Aber, sagten die Georgier zum Herrgott, wir haben dir die ganze Nacht Lieder gesungen, haben dich mit Trinksprüchen gepriesen. Tatsächlich soll sich Gott von den Schmeicheleien beeindruckt gezeigt haben. Er gab den Georgiern jenes Stück Land, das er für sich selber als Paradies reserviert hatte.

Man muss sich das Erzählen einer solchen Legende in der richtigen Umgebung vorstellen, um zu glauben, dass ein Körnchen Wahrheit darin liegen könnte: in Kachetien, der Weinregion Georgiens. Immer scheint der Himmel hier näher als anderswo, ziehen die Wolken tiefer. Sanfte Gipfel bilden die Kette des kleinen Kaukasus. Murmelnde Flüsse überqueren Wiesen, verlieren sich plötzlich im feuchten Grund. Irgendwo beginnt die Steppe und scheint bis zum Horizont zu reichen, Reiter fliegen darüber wie Schattenrisse in einem Puppenspiel.

Die Legende wird erzählt an einem späten Abend in einem Haus, hölzern, einhundert Jahre schon alt. Drumherum ein Garten, Nutz- und Ziergarten zugleich. Ranunkeln und Rosen, Männertreu und Ginster, Kartoffeln wachsen darin. Alle Arten von Rüben, Kräuter, Tomaten, Gurken. Der Misthaufen gleich hinter der Beetsbegrenzung stammt von der Kuh, die auf einem kleinen Feldstück weidet. Die Ziegen, die Hühner laufen frei, dazu noch zwei stetig kläffende Hunde, auf verwitterten Stühlen liegen Katzen. Herzstück dieses Hauses aber ist eine Veranda mit einem gewaltigen Überbau, der vollkommen von Weinreben umrankt ist.

Dies ist das Haus des Schulmeisters Irakli und seiner Frau Esma. Gemeinsam bilden sie ein Viertel des Personals der kleinen Schule eines Dorfes am Fuße der Berge. Gemeinsam haben sie drei Töchter und einen Sohn großgezogen und seit ihrer Eheschließung einen Weinberg betrieben, der aus Familienerbe stammt. Erbe, das, so behauptete es Irakli, Jahrhunderte alt ist. „Denn weißt du“, wird er sagen, „die Kachetier haben Wein lange gekeltert, bevor es die Griechen und die Römer taten. Schon vor 8000 Jahren!“ Und dann wird er einen Zeitungsausschnitt holen, in dem berichtet wird, dass man Weinkrüge fand, die belegen, Kachetien ist das älteste Weinbaugebiet der Erde. „Irakli“, wird Esma sagen, „das erzählst du jedes mal. Gib Ruh.“   

Dies ist ein Abend in ihrem Haus, an dem sie Gäste geladen haben, um das Ende der Weinlese zu feiern. 370 Flaschen Wein, das ist der Ertrag, den Irakli im Jahr von seinem Weinberg einfährt. Wie schon seine Vorfahren stellt er den Wein nach der Qvevri-Methode her: samt Stielen und schalen werden die Trauben in Amphoren aus Ton gepresst und dann vergraben, bis der Gärungsprozess abgeschlossen ist.

Es ist der Abend einer Supra, eines georgischen Festmahls, wie es in dem Land seit Jahrhunderten gefeiert wird und wohl noch gefeiert werden wird, wenn der letzte Erdentag naht.  In Georgien ist der Gast im Haus eine Ehre. Keiner würde sagen: wir geben nichts, wir haben nichts. Für den Gast wird der Tisch gedeckt, bis er sich biegt, werden die dicksten Daunen hervorgeholt, wird an kalten Abenden das Bett an den Ofen geschoben. Schon seit Jahrzehnten ist man in Georgien arm, und wenn man nicht arm ist, dann hat man seinen Reichtum oft nicht mit lauteren Mitteln erworben. Kriege hat es gegeben, die Winter waren kalt, die Wirtschaft lag darnieder. Revolutionen kamen und gingen, Präsidenten verschacherten das Land, trugen das kaukasische Haus fast zu Grabe, es gab keine Arbeit, keinen Strom, keine Fortschritt. Doch dem Gast das Gastrecht verwehren? Niemals.

Im Inneren des Hauses hat die Hausherrin den Tisch gedeckt. Es gibt Chatchapuri, eine Art Käsepfannkuchen, gefüllte Teigröllchen, getrockneten und gebratenen Fisch, Pilaw und Chinkali, kleine Maultaschen, frisches Brot. Eingeladen sind der Dorftischler mit seiner Frau, der Pastor, die 91jährige Frau Elisabeth, deren Vorfahren 1819 aus dem Schwabenland nach Georgien zogen, um dort ihre Religion in größerer Freiheit auszuüben.

Irakli hat die Weine aus dem Keller geholt, Esma die Bücher bereit gelegt. Im Hause eines Schulmeisters wird gelesen, vor dem Essen, nach dem Essen. Shota Rustawelis „Der Recke im Tigerfell“, Georgiens Nationalepos. Und Puschkin. O sing’ Du Schöne, sing’ mir nicht / Georgiens wehmutvolle Lieder / Sie wecken wie ein Traumgesicht / Mir fernes Land und Leben wieder“. Derart in lyrische Stimmung gebracht, wird Irakli sich umschauen, in der Runde auf den Pastor  zeigen und sagen: Du bist heute der Tamada.

Wein. Weib. Und Gesang. Ein Gaumartschos, ein Prost, das tief aus dem Herzen kommt. „Mögest du siegreich sein“, heißt es wörtlich übersetzt. Betont auf der ersten Silbe, und je später der Abend, desto länger das a und das o. Gaaaaumaaaartschoooos, werden die Gäste rufen, wenn der Tamada die Trinksprüche ausbringt. Er ist der Herr über jede Supra, er wird jeden Spruch in blumige Worte kleiden. Den ersten:  Ein Lob auf die Gastgeber, die dieses Essen bereiteten, die gute Menschen sind, die ein langes Leben haben sollen.  Gaumartschos. Alle werden das Glas heben, einen Schluck von Iraklis Saperav trinken, der vermutlich ältesten Weintraube der Welt. Der Wein ist schwer und leicht süßlich.  Der nächste Trinkspruch: Auf Georgien, das Paradies auf Erden. Auf die Helden, die starben für uns. Auf den Frieden, der für uns alle gelten soll, auf die Liebe, die uns trägt und unserem Leben Sinn gibt. Auf die Freundschaft, die uns wärmt und ewig verbinden soll, die Freundschaft, die niemals endet.

Gaumartschos. Die Trinksprüche des Tamada sollen voller Poesie sein. 36 wird der Pastor an diesem Abend ausbringen, und kaum einer der Gäste wird beim letzten noch nüchtern sein. Und doch werden sie am Ende an die Verbundenheit aller Menschen glauben. Werden den Sprüchen die  Klagen folgen lassen von vergangenen Kriegen und gegenwärtigen Krisen, von unfähigen Politikern und korrupten Staatsdienern, von der Gleichgültigkeit des Westens und der Sehnsucht nach Europa: Sind wir nicht wie ihr, sind wir nicht euch verbunden im Glauben, in der Kultur, in der Seele?, werden sie fragen. Dann werden sie wieder Puschkin lesen und Lermontow und den großen georgischen Dichter Ilia Tschawtschawadse und schließlich wird Irakli jene Legende von der Entstehung Georgiens erzählen.  

Ach, das Paradies. Milch und Honig soll dort fließen. Doch etwas ging schief im Laufe der Geschichte, Eden verlor sich im Zwist um Macht und Land. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. entstand Iberien, das antike Georgien.  Gleich daneben war das Königreich Kolchis, in dem die Argonauten der Sage nach die schöne Königstochter Medea und das Goldene Vlies raubten – auch so eine Legende. Römer, Perser, Araber kamen über das Land, raubten und brandschatzten, ließen etwas von ihrer Kultur zurück. Orient und Okzident vermischten sich in Georgien.   Anfang des 12. Jahrhundert wird David, der Erneuer, König. Er bringt neuen Glanz ins Land, erweckt die Kultur wieder zum Leben. Unter seiner Nachfolgerin Königin Tamara erreicht die georgische Ritterkultur des Mittelalters ihren Höhepunkt. Georgien ist wieder reich, sowohl ökonomisch als auch kulturell. Schota Rustaweli, bis heute Georgiens berühmtester Dichter, schreibt sein Epos „Der Recke im Tigerfell“. Und auch die georgische Baukunst hatte ihre Glanzzeit. Doch dann kommen wieder neue Eroberer. Mongolen, Perser, das kleine Georgien kann dem Ansturm nicht standhalten. 1801 fällt es unter russische Herrschaft.

Georgiens Träume von neuer kultureller Größe haben sich auch nach dem Ende der Sowjetzeit nicht erfüllt. Tiflis ist zwar eine moderne Hauptstadt geworden mit einer funktionierenden Infrastruktur, schicken Hotels, Kneipen und einer wunderbar restaurierten Altstadt. Doch Kachtien? Schon immer wuchsen hier Weinreben über den Veranden, trugen die Bäuerinnen  lange Röcken, bunte Tücher und derbe Schuhe, hatten die Männer von der Arbeit breit gedrückte Händen, und so ist es geblieben. Die Jugend wandert ab – oder bleibt, zieht sich spitze Pumps unter die wollenen Röcke und träumt von fernen Welten.

Den Trinkspruch auf die Heimat überlässt der Pastor Frau Elisabeth. Sie wuchs in Katharinenfeld, dem größten der „deutschen Dörfer“ in der Region Kartli auf, heiratete einen Kachetier und zog mit ihm in sein Elternhaus. Das Deutsch ihrer Kindheit ist lange verloren gegangen, nur einige mühsame Sätze sind geblieben. Nach dem Tod ihres Mannes blieb ihr nur wenig Geld zum Leben, jemand hat ihr gesagt, sie solle doch nach Deutschland gehe, das sei für sie doch möglich. Davon nun erzählt Frau Elisabeth, hebt ihr Glas und sagt: „Alles was ich liebe, ist in Georgien. Auf die treue Heimat, der ich auch treu sein will.“

Weil Kachetien nahe an Tilfis liegt, ist es die touristischste Region des Landes. Und doch reichen die Einnahmen nicht, um den Lebensstandard dort zu heben. Nach Angaben des nationalen Winzerverbandes werden in Georgien jährlich rund 60 Millionen Flaschen abgefüllt, von denen der größte Teil ausgeführt wird. Etwa 90 Prozent der Exporte gehen nach Russland und in Länder des ehemaligen Ostblocks, rund 3,7 Millionen Flaschen Wein in die Länder der Europäischen Union. Das sind 0,01 Prozent des Weinkonsums in den Mitgliedsstaaten. Neue Hoffnung auf besseren Absatz des Weines im Westen Europas – und verbunden damit neuem Tourismus für Kachetien – gibt es nun durch das mit der EU unterzeichnete Assoziierungsabkommen. Mit diesem fallen die meisten Zollschranken weg. Auch plant der georgische Winzerverband, die Qvevri-Methode auch für Großwinzer wieder einzuführen. Spitzenweine aus alten roten und weißen Rebsorten wie Saperawi, Kindsmarauli oder Mukasani, die nur in Georgien gedeihen, könnten dann als Liebhaberprodukte vermarktet werden.

Im Hause von Irakli und Esma sind die Weinkrüge geleert, die Trinksprüche alle erhoben. Esma spült das Geschirr und richtet die Betten für die Gäste. Frau Elisabeth schläft lange mit dem Kopf auf der Brust, der Tischler schnarcht auf der Tischplatte, Irakli monologisiert über georgische Politik. Seine Stimme ist von weinseliger Trauer über den Zustand seines Landes ein wenig gebrochen, als ihm plötzlich einfällt, dass er noch eine Legende erzählen möchte.

Hör mal, sagt er.

Ein Amerikaner kommt eines Tages in unserem Dorf des Weges. Da sieht er einen Kachetier unter dem Baum liegen. Am hellichten Tage faulenzen, empört sich der Amerikaner. Warum nutzt du diese Zeit nicht produktiv?

Wie? erwidert  der Kachetier.

Du könntest arbeiten, studieren, etwas pflanzen.

Warum? fragt der Kachetier.

Damit du Geld verdienst.

 Wozu?

Damit du tun  kannst, was du möchtest.

Tu ich doch, sagt der Kachetier, rollt sich auf die andere Seite und schläft ein.

„Ist das nicht lustig“, lacht Irakli und klopft auf die Tischplatte. „Tu ich doch! Tuuuuu ich doch.“

Im letzten Krug findet er noch einen Rest Wein, gießt ihn in zwei Gläser. „Komm, trink. Hier ein letzter Trinkspruch. Auf den Müßiggang. Gaumartschos.“