Marokko

erschienen in Emotion 5/2015

Am Ende der Reise fühlen wir uns wie Helden. Eine Heldenfamilie. Wir haben allem getrotzt: der Hitze, den Unwegsamkeiten, dem Durchfall. Den Bergen, der Wüste. Und den eigenen Befürchtungen, uns in die Haare zu kriegen.  Am Ende sagen wir: noch mal!

Am Anfang aber dauert es keine drei Tage, da ereilt die Kinder der erste ernsthafte Hitzekoller. Ernsthaft im Sinne von:  Verfluchte Sonne. Mir ist so heiß. Mir ist so schlecht. Wer ist auf die Idee gekommen, nach Marokko zu fahren?  Natürlich bin ich schuld, auch wenn Marokko gar nicht meine Idee war. Ich wollte nach Karelien. Aber Mütter sind immer schuld. Auch dann, wenn die Kinder lange erwachsen sind.

Jeder, der Ahnung hat und auch einige, die keine Ahnung haben, sagte uns zuvor: ihr seid verrückt. Zu sechst? Quer durch den Süden Marokkos? Auf eigene Faust, dazu noch in einer Zeit, in der es dort heiß ist? Na, sagten die anderen, wenn das man gut geht und zogen die Augenbrauen  hoch. Ich hasse hochgezogene Augenbrauen. Da werde ich sofort stur. „Warum nicht“, fragte ich trotzig zurück. „Wir sind eine duldsame Familie.“ „Seit wann das denn?“ fragten die Kinder.

Wir, das sind Mutter, 50 Jahre, Tochter No 1, 27 Jahre , Erwerbstätige, Tochter No 2, 23 Jahre,  Studentin,  Tochter No 3, 17 Jahre, Schülerin.  Dazu gekommen:  der Bayer (Partner von No2), der Niederländer (Partner von No 1), beide 26. Eine Familie mit den üblichen Zerfallserscheinungen, die eintreten, wenn  die Kinder das Haus verlassen (No 1 und No 2), sich an Männer binden (den Bayern und den  Niederländer)  oder ungefragt der Kindheit entwachsen (No 3). Um noch einmal die Nähe zu spüren, lockte ich mit den Versprechen der Ferne.

Nun aber haben wir gerade Marrakesch hinter uns und sind auf dem Weg nach Ouazarzate. Beides Orte, an denen die  Infrastruktur der Zivilisation noch intakt und das Reisen einfach ist. Danach aber würde es täglich kärglicher und bestimmt  nicht kühler werden, würden die Eckpunkte allen Vertrauten sich schließlich in der Sahara verlieren.  Schon war klar, wir hatten die Distanzen unterschätzt. Vier Stunden für 200 Kilometer, davon den größten Teil durch menschenleere Steinwüste, schwarzes Geröll, Mondlandschaft, gefühlte 400 Serpentinen. Meine Töchter zeigen die ersten Schwächen. No 1 hat Kreislaufprobleme,  No 2 ist puterrot im Gesicht,  No 3s Frisur sitzt nicht mehr. Nur der Niederländer und der Bayer sind gut drauf. In über 1600 Meter Höhe, bei 42 Grad, zünden sie sich erstmal eine Fluppe an und diskutieren die Möglichkeit einer Wanderung in den Bergen. „Du spinnst doch total“, sagt No 1 zum Niederländer.  Und schon schwebt sie vom Himmel, die Urmutter aller gescheiterten Gemeinschaftsreisen, die  Göttin des Streits. „Erstmal ne Runde Wasser,“ schlage ich vermittelnd vor.  Das Wasser ist wie die Stimmung: kurz vor der Siedetemperatur.  Der Niederländer und der Bayer wollen eine Hühnertajine. Was kein Problem ist. Selbst dort, wo nichts mehr wächst und nichts mehr lebt, gibt es in Marokko immer einen Ort, um Tajine au Poulet zu essen, ja, man meint, das Land könne untergehen, aber ein gerupftes Huhn in einer Tonkasserolle werde doch immer übrig bleiben.

Schon die Planung dieser Reise war ein Abenteuer.  No 1, immer auf Sicherheit bedacht, wollte alles vorbuchen.  No 2, allem bürgerlichen abgeneigt,  wollte zelten.  No 3 hatte sich im Reiseführer Shopping-Tipps durchgelesen und schicke Klamotten eingepackt.  Der Niederländer und der Bayer wollten am liebsten auf Kamelen durch das Land reiten und eventuell bis Timbuktu weiterziehen. Ich wollte, dass wir uns alle lieben.

Dutzende von Tajines, zwanzig Zwangsbesuche bei Teppichhändlern und einige Tablettenpackungen Imodium akut später, waren  zum ersten Hitzekolller noch andere Koller hinzu gekommen. Die meisten Koller hatten mit aufdringlichen Händlern, mit abenteuerlichen Serpentinenfahren und mit Tuareg zu tun hatten, die blonde Frauen gegen Kamele tauschen wollten.  Wir lernten schnell dass „nur gucken, nix kaufen“, eine saudreiste Lüge ist und es eigentlich bedeutete „viel gucken und dann viel kaufen.“ Und einige Koller hatten mit unseren verschiedenen Charakteren zu tun, die gezwungen waren, sich in Kompatibilität zu üben. Der Niederländer , ausgesprochen kommunikativ, durfte nie aus den Augen gelassen werden, schon saß er mit irgendeinem Händler gemütlich beim Pfefferminztee.  No 3 gab jedem hübschen glutäugigen Bengel ihre Email-Adresse,  No 2, das billige Bohemienleben gewöhnt, jammerte , wie teuer alles ist. No 1 wollte verflohte Hunde mit nach Hause nehmen. Nur der Bayer war pflegeleicht, dafür aber verträumt und im Getümmel der Märkte leicht zu verlieren.

Wir begannen unserer Reise in Marrakesch. Wir wohnten mitten in der Altstadt, der Medina, in einem Riad mit lichtdurchflutetem Innenhof und Himmelbetten. Der Bayer und der Niederländer, zum ersten Mal in Afrika, hätten die Eindrücke am liebsten alle eingetütet. Die Schlangenbeschwörer, Tänzer, Musiker, die Gerüche, den Höllenlärm am Abend, die Exotik der Soukhs.  Gleich am ersten Abend lernten wir in einer kleinen Seitenstraße in der Medina Adil kennen, seines Zeichens Taschenmacher, der in Deutschland Mathematik studiert hatte. Adil erzählte wie er sein Studium abbrechen musste, um für seine alten Eltern da zu sein, die Mädchen besahen jede Tasche, die Jungs drucksten herum. „Adil“, sagten sie schließlich,  „kannst du uns verraten, wo wir Bier kaufen können, äh, nur falls das kein Problem für dich ist, weil du ja keinen Alkohol trinkst, äh, oder doch? „Nee, trinken nicht, aber kaufen, das geht.“ Später tranken wir das wunderbar kühle Bier auf der Dachterrasse unseres Riads, Marrakesch lag zu unseren Füßen. „Hier könnte ich bleiben“, seufzte der Niederländer.  „Oah geh“, sagt der Bayer, „wir wollen doch noch in die Sahara.“

Die Sahara. Das war das magische Wort auf dieser Reise, der erwartete Höhepunkt. In Ouazarzate besuchten wir die Atlas Filmstudios, Marokkos Traumschmiede, in denen Filme wie Asterix und Obelix, Sieben Jahre in Tibet und Games of Thrones gedreht wurde. Wir fuhren entlang der Straße der Kashbahs und besichtigten verlassene Festungen und Anwesen aus Lehm. Wir kamen in den Hohen Atlas mit seinen dramatischen Felskonstruktionen, durchquerten die Schluchten von Todra und Gorges, die aussehen, als habe sich die Schöpfung hier in einem künstlerischen Rausch verloren, Felsen wie Murmeln durcheinandergeworfen, Flüsse in Rage versetzt. Berberdörfer klebten an Hängen.  In irgendeinem Kaff am Wege kauften der Niederländer und der Bayer sich blaue Tuareg-Tücher und liefen fortan mit Turban herum.

In allem aber war ein Streben zu diesem einen Tag, an dem wir endlich in die Sahara fahren. In Erfoud, einem östlichen Städtchen an der Grenze zu Algerien, über das man berichten kann, dass dort viele Fossilien gefunden und verkauft werden, waren wir endlich unserem Ziel nahe. Unmissverständlich lehnten wir alle Angebote zu Fossilien „nix-kaufen-nur-gucken“ ab, stiegen von unseren Autos in einen geländetauglichen Jeep um und…ach. Nein, die Sahara ist nicht das einzige verbliebene Meisterstück der Schöpfung.  Es war eine traurige, plastikmüll-gesäumte Fahrt hinein in unsere Sehnsuchtswelt. Dazu ausgefahrene Spuren der vielen Jeeps, aus Berberzelten drang laute Musik, Nomaden, offenbar inzwischen halb sesshaft, kurvten auf Mofas durch den Sand. Wir hätten ihnen gerne zugerufen: Wisst ihr denn nicht, dass der zivilisationsmüde Europäer hier nach Unberührtheit sucht?  Doch wir ahnten den bigotten Charakter solch eines Satzes.    

Zum Glück war die Zivilisation nicht sehr weit gekommen. Die berühmten Dünen von Erg Chebi waren so golden feinsandig  wie in den Reiseführern.  Zum Unglück war es heißer, als ein Mensch aushält. Kaum angekommen, wurden wir auf Dromedare genötigt. Die jungen Nomaden  wollten alle gerne das Dromedar von No 3 führen,  der Bayer und der Niederländer fühlten sich wie Laurence von Arabien, No 1 war ein wenig blass.  In Reihe ritten wir den Dünen und dem Sonnenuntergang entgegen und ich ergab mich dem kitschigen Gefühl, dass die Wege des Lebens uns wohl  trennen mögen, dieser Ritt aber in unserer kollektiven Erinnerung bleiben wird. Da machte es nichts, dass wir später vor Hitze nicht schlafen konnten. Der Niederländer hatte ein Dutzend Kameltreiber um sich herum versammelt, die uns unter einem grandiosen Sternenhimmel bis zum Morgengauen vom Leben in der Wüste erzählten: vom heißen Wind, vom falschen Mythos der Freiheit und von ihrer Sehnsucht nach einem Leben mit Kühlschrank und Auto. Bevor die Sonne wieder aufging, schlummerten wir doch noch ein Weilchen auf Matratzen im Sand, der Bayer, der Niederländer, die Mutter, die Töchter und ein Dutzend Söhne der Wüste .