erschienen in Geo 7/2015                                                                                                                               Fotos: Ann-Sophie Lindström

Asphalt-Cowboys

Wenn Skinny an diesen Tagen durch die Fletcher Street fährt, fallen Bilder aus seiner Vergangenheit wie ausgeschnittene Puzzleteile in die Wirklichkeit. Pferde stehen vor den Ställen, angebunden an Haken, scharren mit den Hufen, treten manchmal nach hinten aus vor Ungeduld und Übermut. In Schubkarren wird Mist gekarrt, Heuballen werden zerteilt, und die Kinder fahren mit Fahrrädern die Straße auf und ab. Die Männer schwingen sich in den Sattel und reiten aus, mit durchgedrücktem Kreuz.

Einst war Skinny war ein Held der Fletcher Street. Drei Pferde hatte er dort stehen, und wenn er eines davon aus dem Stall holte, um durch die Straßen von Philadelphia oder im nahe gelegenen Park zu reiten, dann wurde erst das Pferd zu Glanz geputzt und dann die Cowboystiefel. Nie wäre Skinny auf die Idee gekommen, mit Turnschuhen und Sweatshirt auszureiten.

 

An guten Tagen ist es in der Fletcher Street wie früher. Da drehen die Männer die Kappe vom Feuerhydranten ab, schließen den Schlauch an, reiben die Pferde mit Geschirrspüler ein und waschen den Dreck aus dem Fell. Und mit derselben Hand, mit der sie sonst ihre Freundinnen und ihre Kinder schlagen, mit der sie die Waffe zücken und die Joints rollen, streicheln sie dann den Pferden sanft die Blesse, die Mähne und werden dabei weich vor Zugehörigkeit und Liebe.

 

 

Ganz früher standen hier in North Philadelphia große Brauereien, deren Ware mit Pferdefuhrwerken transportiert wurde. Viele Kleinhändler hielten sich ebenfalls Pferde als Transportmittel und bauten Unterstände im Garten. Als Lastwagen die Kutschen ablösten, gab es Dutzende sorglos zusammengezimmerte Ställe, deren Besitzer nun Pferde hatten, die nur noch Hobby sein konnten, oder ein Zeichen von Status. Western dominierten das Fernsehprogramm und Cowboys waren die Helden der amerikanischen Nation.

 

So oder vielleicht auch nur so ähnlich kam es, dass die Pferde aus North Philly nicht verschwanden. Mit diesen Pferden wuchs aus der Mitte der armen afroamerikanischen Arbeiterschicht eine Gruppe von Pferdemännern heran. Typen, die sich in ihrer Männlichkeit sonnten und aus Versatzstücken der Hollywood-Filme eine eigene Ethik schufen. Die sich berauschten an Wörtern: Ehre. Kameradschaft. Gestärkt durch die Aufmerksamkeit, die sie bekamen, wenn sie auf ihren Pferden durch die Straßen von Philadelphia ritten, beflügelt von dem Lebenssinn, der mit der Verantwortung für die Tiere kam. “Denn eigentlich sind wir die echten Cowboys,” sagt Skinny heute noch. “Denk doch mal nach! Cowboy, was war das denn? Die Typen, die die Kühe hüteten. Auf Pferden. Das waren keine Weißen, das waren die Nigger damals.” .........

Tochter der Khasi


erschienen in Nido 6/2015

Mebada Khongjee ist die Königin des Dschungels. Jedenfalls an diesem Nachmittag; dem letzten, an dem das Waschen und Baden im Fluss noch erlaubt ist. Mit einer Plastiktüte mit ihren besten Kleidern, jene, die sie zum Weihnachtsfest oder bei anderen besonderen Gelegenheiten bekam, ist sie die 137 vermoosten Stufen zum Wasser hinab gegangen.  Der Fluss, der nur Fluss von Mawlynnong heißt, und  dessen Wasser sich durch viele Verzweigungen zurückverfolgen lassen bis zum Ganges, ist jetzt, im Spätherbst, fast ausgetrocknet.

Mebada hat sich einen Felsen gesucht, auf dem sie vor der Kamera posiert. Sie hat Kleid um Kleid aus der Tüte gezogen, made in China, aus grellem Polyesterstoff und mit Rüschen und Spitzen daran. Sie hat gebettelt: Nur noch ein Foto. Sie hat die dunklen Haare und den Kopf zurückgeworfen, so, wie sie es von den Frauen in den Bollywood Filmen gesehen hat. Um ihre nackten Füße floss das Wasser und über ihrem Kopf bildeten die Bäume ein dichtes Dschungeldach.

Wie immer ist die 17jährige am Morgen um vier Uhr aufgestanden und  hat einen Spaziergang durch das schlafende Dorf gemacht. Es ist die einzige Zeit des Tages, die sie für sich alleine hat. Die Luft ist so früh am Morgen noch kühl und immer geht Mebada bis zu der kleinen Lichtung, die die Männer des Dorfes in den Dschungel gerodet haben, damit die Jungen Fußball spielen können. Dann sitzt sie einen Augenblick dort in der Morgenstille und hängt Träumen nach, von denen sie weiß, sie werden nicht erfüllt. 

Mawlynnong, Mebadas Heimat, ist ein kleines Dorf im indischen Bundesstaat Meghalaya.  Nicht weit von hier entfernt verläuft die Grenze zu Bangladesch, im Süden liegt der indische Bundesstaat Assam. Meghalaya bedeutet: wo die Wolken wohnen, und die Region macht ihrem Namen stets Ehre. Nirgends in Indien regnet es mehr als hier und die Wolken hängen stets so tief, dass man in ihnen eingehüllt ist wie in ein nasses Tuch.

In den East und West Khasi Hills, Vorläufern des Himalaya-Gebirges, leben die Khasi, ein matri-lineares Volk, dessen Erbfolge von der Mutter auf die Töchter übergeht. Rund 1.1 Millionen Angehörige hat diese Volksgruppe, bestehend aus hunderten von Clans. Die meisten von ihnen leben in Meghalaya, einige Zehntausend in Assam oder Bangladesch.  

Die auf den Hügeln verstreut liegenden Dörfer sind erst seit einigen Jahren über feste Straßen zu erreichen.  Mawlynnong ist eine gute dreistündige Fahrt von Meghalayas Hauptstadt Shillong entfernt, tief im dichten Dschungel gelegen, umgeben von kleinen Flüsschen. Rund  550 Menschen, verteilt auf 95 Häuser, leben dort, bis vor einigen Jahren noch verborgen vor dem Rest der Welt.

 „Ich bin eben die Khaddu“, beendet Mebada jedes Gespräch über diese Träume, denen sie auf ihren einsamen Morgenspaziergängen nachhängt.  Mebada würde gerne Englisch studieren und Lehrerin werden, noch lieber aber würde sie einen Ausländer heiraten und mit dem nach Europa oder Amerika gehen. Aber sie ist eben die Khaddu.

Khaddu ist ein Titel bei den Khasis für die jüngste Tochter einer Familie. Er verleiht der Trägerin das Recht, nach dem Tod der Eltern das Oberhaupt der Familie zu werden. Mebada wird das Haus erben, den Acker, den kargen Besitz aus Töpfen und Schränken, Blechlöffeln und Schüsseln, Matratzen und Kochlöffeln, aus ausgetretenen Schuhen und dünn gewaschener Kleidung. An ihr wird es sein, den Clan zu erhalten, im Geist der Ahnen und der ersten Urmutter der Khasis, aus deren Leib alles Leben kam.

Doch Khaddu zu sein, ist auch eine Verpflichtung. Mebada ist für ihre Eltern bis zu deren Tod verantwortlich, es wird von ihr erwartet, im Elternhaus wohnen zu bleiben, sich um die Mutter, den Vater, die Brüder zu kümmern. Kochen , Einkaufen, Wäsche im Fluss waschen, Kranke pflegen, putzen. Für Träume und Freiheit bleibt da kein Raum, jedenfalls nicht in Mawlynnong, wo alles noch immer so gemacht wird wie seit einigen Jahrhunderten.    

Durch ihre matri-lineare Erbfolge, unterscheiden sich die Khasis deutlich von den anderen Volksgruppen Indiens. Bei den Khasis sind Töchter mehr wert als Söhne. Sie werden weder ausgesetzt, noch sexuell missbraucht, noch vergewaltigt. Jene Nachrichten, die aus anderen Bundesstaaten Indiens auch bis Mawlynnong dringen, stoßen dort auf großes Unverständnis. Frauen nicht zu achten, heißt für die Khasi, der Gesellschaft Schaden zuzufügen. Hat eine Familie nur Söhne, gilt sie als unglücklich, weil nur die Tochter die Kontinuität eines Clans fortsetzen kann.

Es ist 4.30 Uhr, als Mebada Feuer macht. Den Reis aufsetzt, das Daal aus Linsen kocht, aus Gemüseresten kleine Frikadellen backt. Die wird der Vater mit aus Feld nehmen, werden die Brüder  und die Mutter am Mittag essen, wenn Mebada noch in der Schule ist.

Die Herdstelle ist das Zentrum des Hauses, besonders an kalten Tagen der einzige Ort, an dem man Wärme finden kann. Die Häuser der Khasi sind auf niedrigen Stelzen gebaut gegen Überschwemmungen, die Wände sind aus Bambus und Lehm, zur Monsunzeit dringt die Feuchtigkeit ein, im Winter die Kälte.

Mabadas Bewegungen sind schnell, routiniert. Der Tee darf nicht zu spät sein, sonst wird der Vater schimpfen, die Mutter aus ihrem Bett zetern, in dem sie seit einigen Woche n mit einer Grippe liegt. Der Vater, Morkan,  ist mit seinen 55 Jahren noch kräftig, aber die Mutter, Merona, neun Jahre jünger als er, ist schon fragil, mit einem Gesicht wie ein Vogel.

Die älteste Tochter der Familie Khongjee ist Eva.  Sie ist 26 Jahre und hat schon zwei eigene Kinder, Jasmin, 4, und Ida, 2. Dann wurde Mebada geboren und danach noch die beiden Söhne. Damutlang, der selten spricht, der am liebsten den ganzen Tag an der Herdstelle sitzt und den anderen den Rücken zukehrt. Von dem man in einer westlichen Welt sagen würde, er sei Autist, aber bei den Khasi glauben sie, er lebe in einer anderen spirituellen Welt. Der jüngste Bruder ist Datiplang, ein aufgeweckter 12jähriger, der stets den Familienclown spielt.

Vor drei Jahren zog dann Provenus zu ihnen, Evas Lebenspartner. So ist es Sitte bei den Khasi. Der Mann verlässt das Haus seiner Eltern, um im Haus seiner Schweigereltern zu leben.  Eva hat Provenus in Shillong kennen gelernt, wo sie als Dienstmädchen bei einer reichen Khasi-Familie arbeitete. Er lernte einen Handwerksberuf und sie verliebten sich. Sie hat die Eltern nicht gefragt, ob ihnen diese Liebe passt, weil ein Khasimädchen nicht fragen muss, sondern sich ihren Partner frei wählen darf.

Eines Tages hat Eva Provenus mit nach Hause genommen und gesagt, dieser werde ihr Mann werden und mit ihm wolle sie nach Mawlynnong ins Elternhaus zurückkehren. Die Eltern hatten nichts dagegen, auch wenn es räumlich eng wurde. Vor allem dann, als die Kinder kamen. Doch eng wird es in den meisten Häusern, wenn die Schwiegersöhne einziehen.

Eva und Provenus haben nicht geheiratet, jedenfalls nicht offiziell.  Die Khasi sind überzeugte Christen, sie wurden von den englischen Kolonialherren zum Glauben an Gott und Jesus gebracht.  Trotz der tiefen Religiösität reicht es bei ihnen, wenn Mann und Frau unter einem Dach leben, sie gelten dann als Ehepaar. Eine Hochzeit kostet Geld, doch die Khasi auf den Dörfern sind arm. Sie leben von der Landwirtschaft und vom Fischen, sie könne sich gut ernähren, aber Bargeld besitzen sie kaum.  

Früher musste die  Frau nur eine Münze werfen, dann war sie vom Mann „geschieden“. Niemals hat es bei den Khasi den Zwang gegeben, bei einem ungeliebten Mann bleiben zu müssen. Auch heute ist das Auseinandergehen eine leichte Sache, denn die matri-linearen Gesetze der Khasi sind auch in der Verfassung von Meghalaya verankert.  Aller Besitz gehört den Frauen. Ein Mann kommt mit leeren Händen ins Haus der Frau, er muss auch mit leeren Händen wieder gehen. Auch auf die Kinder hat er keinen Anspruch. Kein Richter Indiens würde einem Khasi-Vater je das Sorgerecht zusprechen, denn die Kinder gehören zum Clan der Mutter, der Vater aber nicht.  

Provenus Familie wohnt in einem Dorf an der Grenze zu Assam, und er hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen, weil eine Bustour dort hin und wieder zurück rund 15 Euro kostet. In Mawlynnong ist das ein Vermögen.  Provenus, der sich mit Bauarbeiten durchschlägt und Eva, die bei anderen Familien im Dorf putzen geht, verdienen zusammen fünf Euro in der Woche.

Fast zwei Jahre ging es damals gut, nachdem Eva  mit Provenus wieder nach Hause zog. Doch Provenus fand nicht immer Arbeit, die Eltern beklagten sich, er bringe nicht genug Geld ein, die Mutter sagte, was Mütter auf aller Welt ihren Töchtern sagen: du hättest doch auch etwas Besseres finden können. Provenus hätte Eva gerne ein Haus gebaut, wäre gerne mit ihr fortgezogen aus dem Dunstkreis dieser Schweigereltern. Aber ein Haus zu bauen, kostet 50.000 Rupien, und bis sie die erspart haben, wird es noch Jahre dauern.

Die Unzufriedenheit schob sich zwischen sie. Es gab Streit und irgendwann redeten Provenus und die Schweigereltern nicht mehr miteinander. Setzt sich Merona an die Herdstelle, verlässt er die Küche, kommt Morkan von der Arbeit, verlässt er das Haus. Es hat ohnehin nur vier Räume, viel zu wenig für 9 Bewohner. Ein Raum ist eine Art Wohnzimmer gleich hinter der Eingangstür. Auf dem Boden liegen Reismatten, darauf schlafen die beiden Brüder und Mabada. Es gibt keine Möbel.  Dann das Schlafzimmer der Eltern, darin ist ein Bett mit einer Strohmatratze. Im dritten Zimmer schläft Eva mit ihrer Familie. Mebada legt sich stets als letzte hin, sie findet keine Ruhe, bis alle im Bett sind. Sie muss das Geschirr vom Abend waschen, die Wäsche falten, die Kleidung der Geschwister einsammeln und in die Schüssel legen, um sie am anderen Tag zum Fluss zu tragen. Meist ist es lange dunkel, bis Mebada schläft, längst liegt das Dorf in völliger Ruh, nur  die jüngsten Töchter sind in allen Häusern noch wach.

Wenn die Spannungen in der Familie zu groß werden, dann beginnt Eva zu streiten. Sie ist zäher, aufmüpfiger als die Schwester, die sich vor der Last der Verantwortung in Träume rettet.  Mebada versucht, allen Streit wegzulächeln. Sie  läuft dem Vater hinterher, eilt zur zeternden Mutter, während Eva, wie durch die eigenen Kinder seltsam behütet,  trotzig und laut wird. Die Brüder halten sich aus allem raus. Damilang sowieso, und  Datiplang hat sich aus Plastikeimern und flachen Blechstücken , die er an Äste befestigte, ein Schlagzeug gebaut. Wenn kein Rückzug mehr bleibt, dann geht er hinaus und haut auf die Eimer, das Blech, singt mit seiner dünnen Kinderstimme dazu .  Und Morkan nimmt sich eine Schachtel Zigaretten und geht zu seinen Freunden. Schweigend sitzen sie dann irgendwo im Dorf auf dem Boden und rauchen, solange, bis sie meinen, wieder genügend Luft für sich selber geholt zu haben.

Es ist ein seltsames Ding mit den Sitten der Khasi. Für beide Geschlechter bedeutet die matri-lineare Tradition Stärke und Schwäche zugleich. Die matri-lineare Erbfolge bewahrt die Frauen vor wirtschaftlicher Not und gibt ihnen  in Beziehungen die Macht, sich eines ungeliebten oder gewalttätigen Mannes zu entledigen – aber nur theoretisch. Denn gleichberechtigt sind die Frauen deshalb noch lange nicht. In Mawlynnong und auch den anderen abgelegenen Dörfern der Hills sind es noch immer die Männer, die das Geld verdienen, und es sind auch dort, wie in fast allen traditionellen Gesellschaften, die Frauen, die die Hauptlast der Familienarbeit tragen.  Und sich zunehmend drüber beklagen. 

In Shillong, der Hauptstadt von Meghalaya, wo die Stadtkhasi leben,  hat die Khasikultur schon  tiefe Risse bekommen. Dort gibt es jüngste Töchter, die nicht für die Eltern sorgen, die fortgehen und sich Berufe suchen. Dort gibt es Frauen, die nicht mehr das traditionelle Gewand der Khasi tragen, ein Tuch, das an beiden Schultern mit einer Brosche befestigt wird. Sondern Jeans und Pumps. Gibt es Frauen, die rauchen und trinken und nur ein Kind bekommen wollen. Vor allem aber gibt es dort Frauen, die keine Khasimänner mehr heiraten wollen.

 „Der Khasi Mann ist wie ein Kind“, sagt Laloo Deepak und rührt mit düsterem Gesicht in seinem Morgentee. Es ist Sonntag in Mawlynnong und seit fünf Uhr läuten die Kirchenglocken alle zwei Stunden zur Messe. Aus der Kirche schallt Gesang herüber, auch die Familie Khongjee ist schon zur Messe geeilt.

Deepak schiebt auf seinem Teller Reis und Linsen hin und her, als läge darunter die Lösung für das Dilemma der Khasi-Männer. „Unsere Kultur hat dazu geführt, dass er keine Verantwortung übernimmt und infantil bleibt. Er ist ein Hedonist. Er will das Leben genießen, um jeden Preis. Wundert es da, dass die Frauen keine Khasi-Männer mehr wollen“, klagt Deepak und weist auf einen  Schmetterling, der es sich auf einer Bougainvilla-Blüte bequem gemacht hat.  „Die Männer meiner Generation, die sind wie die da. Flatterhaft.“

Deepak wohnt in Shillong, doch er baut in Mawlynnong ein Gästehaus. Seit das Dorf mit einer festen Straße verbunden wurde, kommen Touristen aus Assam und Delhi, machen Wanderungen im Dschungel und bestaunen die Kultur der Khasi. Der Tourismus hat Mawlynnong Geld gebracht und den Titel: Sauberstes Dorf in Asien. Tatsächlich liegt im ganzen Dorf kein Müll herum, alle Wege sind gefegt, die Ablaufgräben sauber geschrubbt. Deepak ist mit der Hälfte von Mawlynnong verwandt, er kennt die Männer, die mit vielen Frauen viele Kinder haben, weil sie ohnehin für keines der Kinder Verantwortung übernehmen müssen. Sie müssen auch keine Alimente zahlen. Er kennt die Kämpfe der Frauen, sich und die Kinder durchzubringen. Er kennt die Distanz, die in den Familien herrscht, weil die Frauen und die Kinder eine Einheit bilden und die Männer wie fremde Sterne auf fernen Umlaufbahnen um sie kreisen.

Deepak gehört einer Gruppe von Männern an, die matri-lineare Erbfolge der Khasi abschaffen wollen. Sie verlangen, dass die Söhne eben so viel erben wie die Töchter. Sie wollen nicht mehr ins Haus der Schweigereltern ziehen, vor allem aber wollen sie, dass die Kinder ihren Namen tragen und nicht mehr zum Clan der Mutter gehören.  Sie sehen sich als Emanzipationsbewegung für Männerrechte. Sie behaupten, Khasi-Männer stürben früh, aus Gram oder aus ungesundem Leben, weil sie sich ungeliebt und nutzlos fühlen. Sie sagen, die matri-lineare Struktur sorge für Uneinigkeit und Brüchen in den Familien. Und sie sind Nationalisten. Aus ihren Argumenten spricht auch die Angst, dass die Khasis aussterben, weil die Khasi-Frauen lieber Männer heiraten, die nicht so kindlich sind.

4000 Mitglieder soll diese Bewegung haben. Bislang sind sie an den Gerichten Meghalayas gescheitert, vor allem aber an der Frage, wann und warum die matri-lineare Kultur entstand. Ist sie nur ihrer Zeit geschuldet oder ist sie der Kern allen Khasi-Seins? Sie sei entstanden, als die Männer Kriege führten und die Frauen daheim alles alleine regeln mussten, sagen die Emanzipations-Männer – und könne daher also wieder abgeschafft werden.

Sie entspringe aus dem traditionellen Glauben.  Khasi bedeutet: Von einer Frau geboren, sagen die Gelehrten. Zwar hängen nur wenige Khasi  der alten Religion an, doch das Heim und  Herd und damit die Frauen die Urmasse der Gesellschaft sind, dass Familien stabil sein müssen, damit die Gesellschaft stabil ist, aus dieser sozialwissenschaftlichen Erkenntnis, wurde bei den Khasi eine Dreifaltigkeit aus Mutter, Bruder und Vater als Träger der Familie, mit der Mutter als Oberhaupt, dem Bruder als Erzieher und Rollenmodell für die Kinder und dem Vater als Unterstützer des Bruders. So war es immer. Und so soll es auch bleiben, sagen die Traditionalisten.

Mebada weiß nicht, ob die die Gesetze der Khasi ändern möchte. Es sei immer so gewesen, es habe wohl seinen Sinn, sagt sie, wenn man sie fragt. Dennoch würde sie gerne aus den Zwängen ausbrechen, hat Angst, der Last als Familienoberhaupt eines Tages nicht gewachsen zu sein.

Wenn Mebada aus der Schule nach Hause kommt, hat sie noch zwei Stunden Zeit, bis es dunkel wird. Zwei Stunden, um die Wäsche der Familie zu waschen.  Und sich. Nun, wo der Hauptfluss gesperrt ist, müssen die Mädchen kleine Flüsse suchen.

Die Flüsse um Mawlynnong sind mystische Orte.  Im dunklen Schatten der Bäume gurgelt das Wasser durch Felsen, Kinder schwimmen in den ausgehöhlten Becken unter den Wasserfällen. Die Flüsse trennen das Dorf vom Dschungel, sie sind die Demarkationslinie zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Dahinter beginnt die dichte Wildnis, zieht sich über viele Kilometer und fällt dann ab in die Ebene von Bangladesch.  Umgefallene Bäume liegen im Fluss, strecken ihre Wipfel rettungssuchend zum anderen Ufer. Aus dem Fluss kommt der Duft von Erde, mischt sich mit dem der Seifenlauge.

Abseits der waschenden Mädchen stehen  Jungen mit Bambusrouten als Angeln. Nur scheu wagen sie es, den Kopf zu den Mädchen zu drehen, schnell schauen sie wieder fort. Die Mädchen rubbeln und spülen, rubbeln erneut, mindestens eine Stunde lang. Dann gleiten sie selber in das Wasser, in Unterwäsche, schnell und kichernd. Sie treiben auf dem Rücken, ihre Haare schwimmen ihnen um den Kopf wie ein dunkler Kranz. Zurück auf dem Felsen legen sie die Beine zur Seite und im blätterdurchbrochenen Abendlicht sehen sie  aus wie Flussnymphen.  Dann kämmen und flechten sie sich die Haare, ziehen die Kleidung wieder über die nasse Unterwäsche, schultern die Schüsseln mit der Wäsche, laufen nach Hause.

 „Spute dich, Mebada“, sagt Eva, als die Schwester das Haus betritt. „Du bist spät“. Eva hat schon Feuer gemacht und Tee gekocht, hat das Essen für ihren Mann und ihre Töchter aufgesetzt. Mebada muss für die Eltern und die Brüder kochen, sie läuft und eilt, nie verlässt das Lächeln ihr Gesicht. Nach dem Essen sitzen die Geschwister zusammen um die Herdstelle, Eva und Mebada kuscheln mit den Kindern, Damilang schweigt, Datiplang baut aus Holz und Blechresten ein Auto. Auch die Eltern kommen hinzu, Eva kocht noch einmal Tee und alle tauchen süßen Zwieback hinein. „ Wenn ich nicht die Khaddu wäre“, hatte Mebada am Nachmittag gesagt, „dann wäre ich freier. Aber ich würde trotzdem immer bei meiner Familie bleiben wollen.“

 

 

 

 

Sei ein Mann


Erschienen in Die Zeit No.29, 16. Juli 2015

Jetmir bedeutet: schönes Leben. Es ist ein albanischer Name.  Der rechte Verteidiger des FC Lausanne heißt so: Jetmir Krasniqi. Es gibt Jetmir Mehmedi, der auf You tube Gitarre spielt und einen Jetmir in Deutschland, der eine Firmenadresse hat und Schalungsarbeiten macht. Möglicherweise haben diese Jetmirs ein schönes Leben.

Als Jetmir Krasnidje mit 16 Jahren zum ersten Mal darüber nachdachte, wie sein Leben werden würde, sah er eine endlose Folge von Prügeleien, Drogen, Wut. Wut auf die Elterngeneration, die noch immer mit den Folgen des Kosovokriegs von 1999 beschäftigt ist, Wut auf die wirtschaftliche Situation seines Landes,  die Chancenlosigkeit seiner Generation. 70 Prozent der Jugend arbeitslos. Jetmir schlug zu, wenn ihm einer dumm kam. Hing mit den anderen Jungs rum und nahm Drogen. „Ich dachte, so muss es sein. Ein Mann kennt keine Argumente.“

Als Jetmir aber dann zum ersten Mal in der Schule erzählte, dass er seiner Mutter im Haushalt hilft, sagten seine Kumpels: „Du Memme. Davon wird man schwul.“ Jetmir antwortete: „Na und, schwul ist doch nichts schlimmes“, und sie sahen ihn  an, als habe er eine ansteckende Krankheit.  Als Jetmir sich für ein Theaterstück zum ersten Mal die Lippen rot anmalte, eine Schürze, ein Tuch umband und eine kosovarische Mutter mimte, hat er sich geschämt. „Aber dann war da wieder der Vorsatz, nicht ins alte Leben zurückzukehren. In das mit den Drogen und den Prügeleien“, erinnert sich der heute 18jährige. „Ich wollte lernen, ein echter  Mann zu sein.“

Sei ein Mann, Be a man ist eine Initiative der Jugendorganisation Peer Educators Networtk (PEN), unterstützt und finanziert von der Hilfsorganisation Care Deutschland.  Gleich denkt man an Grönemeyers  Hit „Männer“, doch die Feinheiten,  die Grönemeyer besingt gibt es bei der Jungmännergruppe von Pen noch nicht. Bislang geht es um die basics, vor allem darum, die männliche Jugend vor einem Abrutschen in die Kriminalität, mafiöse Kreise oder Drogenabhängigkeit zu bewahren. Und sie später, wenn sie heiraten und Kinder bekommen, zu guten Ehemännern, liebevollen Vätern zu machen. Die Botschaft: Gewalt ist nicht cool.

 Von den Genderequalisierungsbestrebungen des Westens sind diese Grundlagen weit entfernt.  Und doch sind sie ein zarter Schritt hin zu einer neuen Gesellschaft, die sich um Frieden bemüht: im kleinen häuslichen Bereich wie auch im Großen, dem Zusammenleben mit den serbischen Nachbarn. Denn ein Mann zu sein, auch das eine Botschaft von PEN, bedeutet, andere zu respektieren: ohne Ansehen von Geschlecht, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit.

Denn inzwischen ist die zweite Generation nach dem Krieg erwachsen – und hat die patriarchalischen Strukturen der Eltern übernommen.  Schon die kleinen Jungen haben eine Männerbild, das für den Krieg taugt, aber kaum für den Frieden, erklärt Bujak Fejzullahu, PEN-Direktor in Pristina. Viele Jungen hätten Väter, die den UCK-Ideologien nachhängen, die noch immer ihre Waffe von damals im Haus hätten, den Krieg heroisierten. Ihren Söhnen brachten sie bei:  Auge um Auge, Zahn um Zahn. Gewalt ist im Kosovo die dritthäufigste Todesursache.

Die jungen Kosovaren wollen vom Krieg nichts mehr hören. Die einstigen UCK-Helden, die heute in der Regierung und an anderen Schaltstellen sitzen, taugen für sie nicht mehr als Vorbilder. Sie bauten eine Gesellschaft, die verrufen ist. Das Kosovo ist Europas Zentrum für Drogen- und Menschenhandel, zerfressen von Korruption und Kriminalität. Für die Jugend bedeutet das vor allem: kaum eine Perspektive. Die Länder des Westens, deren vermeintlicher Glamour im Fernsehen zu sehen ist, verschließen ihre Grenzen für Kosovaren, weil der deren politischer Status ungeklärt ist. Und dann Pristina, diese graue Stadt in grauer Kohlestaubluft. Die inzwischen Cafés hat und vegane Restaurants, Diskotheken, Clubs und Fitnessstudios, doch nur für jene Mittel- und Oberschicht, die sich das leisten kann. Für Jungen wie Jetmir hat sie nichts.  Herumhängen auf der Straße, rauchen, Drogen nehmen, das ist das Freizeitprogramm für Jugendliche der ärmeren Schicht. 

Jetmirs Held ist der Rapper Lyrical Son aus Pristina, dessen Lieder nicht von Hau-drauf, sondern von Liebe und Lebenssinn handeln. Ihm hört die Jugend gerne zu, den Politikern, sagt Jetmir, könne man dagegen kein Wort glauben. All das Gerede um Religion oder Ethnie, um Massaker und  Rache. „Wenn alle den anderen einfach sein lassen“, sagt Jetmir, „dann können wir doch wunderbar zusammenleben.“

Mit Religion hat Jetmir nichts am Hut. Als er kürzlich auf einem PEN-Treffen mit anderen jungen Balkaren auf serbische Altersgenossen traf,  sei das Wort Religion kein einziges Mal gefallen. „Zu behaupten,  es ginge in dem Konflikt zwischen der Serben und den Kosovaren um Glauben, ist doch Quatsch“, sagt Jetmir und wedelt mit der Hand, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen.  „Das Problem ist, dass wir Konflikte mit der Faust austragen. Wenn in meiner Klasse sich jemand prügeln will, dann sag ich heute immer: denken, Junge, erst denken.“

Mit ihrer Botschaft von Männlichkeit, die keine Fäuste braucht, tingelt PEN auch durch Schulen. Basisarbeit für 5. und 6. Klassen. 3000 Schüler haben sie in drei  Jahren geschult, fast die Hälfte davon ist zu den fortgeschrittenen Workshops gekommen und immerhin noch Dutzende sind seither feste Mitglieder der Be-a-Man-Initiative und kommen regelmäßig ins PEN-Büro.  

Jetmir wohnt mit seiner Mutter Nevi und seiner zwei Jahre älteren Schwester Fatboda in einem Vorort von Pristina in einem Haus, das hat eine Küche, einen Waschraum, eine Garage mit Wintergarten, der zugleich auch Wohnzimmer ist.  Hinter dem Haus streckt sich ein langer Garten, in dem wachsen Gemüse und einige knorrige Rosensträucher, Weinreben. Als Jetmir gerade geboren war, ging sein Vater in die Schweiz und kam nie wieder. Das Kosovo im Jahr 1996, damals autonome Provinz der Bundesrepublik Jugoslawien,  war eine unruhige Region in einer schwierigen Zeit. Ein Jahr zuvor hatte die internationale Gemeinschaft auf der Friedenskonferenz von Dayton eine mögliche Autonomie des Kosovo verneint, und entsprechende politische Bestrebungen der dort lebenden ethnischen Albaner  schlugen nun in einen bewaffneten Kampf für Unabhängigkeit um.  Ab Januar 1998 lieferten sich die Befreiungsarmee des Kosovo (UCK) und die jugoslawische Armee, die hauptsächlich aus Serben bestand, erbitterte Kämpfe.  Tausende Albaner flohen vor den Kämpfen, die Presse berichtete von ethnischen Säuberungen an den Albanern und Massengräbern.  Mit dem Argument, eine humanitäre Katastrophe verhindern zu wollen, begann die Nato im März 1999 damit, Serbien zu bombardieren, dabei starben wohl wenigstens 3500 Menschen.

In jenem Jahr verlor Nevi Krasnidje mit ihren zwei Kindern ihr Haus in einem Dorf im Norden des Landes. Es brannte nach einem Angriff der Armee ab. Nevi Krasnidje hat Fotos von jenem Tag, auf denen sieht man sie mit Sack und Pack von dem brennenden Haus fortgehen.  Auf einem dreht sich noch nach den Flammen um, auf dem nächsten Bild ist ihr Blick starr geradeaus gerichtet. Sie ging nach Pristina, wo ihr Bruder lebt und zog mit den Kindern in jenes kleine Haus, in dem der Garagenwintergarten auch Schlafzimmer und Gästezimmer ist. Die Kinder in jenen Zeiten zu behüten, sagt sie, war eine Mammutaufgabe.

Jetmir hörte über  Mundpropaganda von der Initiative. Er ging hin, fand einen warmen Raum, in dem es immer Tee, Kaffee, Kekse und jemanden zum Reden  gab. So kam er wieder, nahm an den Gesprächen über Rollenverständnis, Gesundheit, Verhütung, Gewalt und Respekt gegen Homosexuelle teil  – und blieb. Außerdem überredete er die bösesten Jungs aus seiner Klasse, ihn dorthin zu begleiten. Korab, zum Beispiel, 17 Jahre, der gerne Mädchen beleidigte, und sich  heute in Galanterie übt. Die Zwillinge Agon und Art, 18 Jahre, die keiner Droge abgeneigt waren und inzwischen nicht einmal mehr eine Zigarette anrühren. Jakob, 19 Jahre, der  gerne aufhören würde, sich zu prügeln, aber seine Aggressionen noch nicht im Griff hat.  

Im  Januar 2014 erhielt PEN auf Vermittlung von Care Unterstützung von dem deutschen Schauspieler Steffen Groth.  Groth erarbeitete mit den jungen Männern ein Theaterstück, dessen Inhalt auf deren eigenen Erlebnissen basiert. „Lippenstift für harte Kerle“, so der Titel, erzählt  von inneren  Wandlungen: Am  Anfang gibt es Prügelszenen, am Ende spülen die harten Kerle das Geschirr.  Jetmir spielt in dem Stück die Mutter: mit Schürze, Kopftuch und Lippenstift. Es fiel ihm anfangs schwer, vor allem, weil er wusste, viele aus seiner Schule würden zu der Aufführung kommen. Doch nach einer Weile entdeckte er die Komik seiner Rolle und reizte sie aus. „Ich finde es interessant, mal eine Frau zu sein. Als Mann weiß man nicht, wie das ist mit dem Schminken und den Pumps.“

Nevi Krasnidje wird mit ihren beiden Kindern demnächst in eine neues und großes  Haus ziehen. Ihr Bruder hat es für sie gebaut. Es hat fünf Zimmer, Heizung und funkelnde Armaturen im Bad. Jetmir sagt, er will dem Onkel das Geld zurückzahlen, wenn er Architektur studiert und eigene Aufträge hat. „Ach, Junge“  antwortet seine Mutter,  „vielleicht willst du mit dem Geld ein eigenes Haus bauen.“  „Aber Mama. Ich bleib doch für immer bei dir wohnen“, lacht Jetmir.